Die Ölpreise fielen letzte Woche und haben ihre Talfahrt in dieser Woche fortgesetzt, nachdem Saudi-Arabien und Russland ankündigten, dass die Opec und ihre Partner außerhalb des Kartells (zusammen im weiteren Artikel als Opec+ bezeichnet) eine Erhöhung der Ölförderung in Betracht zu ziehen. Die Ölminister aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), Kuwait und Saudi-Arabien planen ihre Optionen auf einem Treffen in Kuwait in dieser Woche zu diskutieren.
Einige sehen hinter diesen Entwicklungen den Druck von US-Präsident Donald Trump, der im April auf Twitter meinte, dass die Opec verantwortlich sei für die höheren Öl- und Benzinkosten. Letzte Woche versuchten die Demokraten im US-Senat dem Präsidenten die höheren Ölpreise anzulasten, da dieser sich nicht hart genug gegenüber der Opec zeige.
Zwei Tage darauf kündigten Russland und Saudi-Arabien an, dass sie nach privaten Gesprächen am Rande des Internationalen Wirtschaftsforums in St. Petersburg, erwägen würden, auf dem regulären Opec-Gipfel im Juni die Ölförderung um eine noch nicht bestimmte Menge anzuheben. Die Ölfutures begannen unmittelbar daraufhin zu fallen und die Preise purzelten auch am Rest des Freitags
Auf dem hauptsächlichen Treffen in St. Petersburg, nahm Opec-Generalsekretär Mohammad Barkindo Bezug auf Trump und sagte: “Wir sind stolz darauf, Freunde der Vereinigten Staaten zu sein.” und fuhr fort daran zu erinnern, dass die USA schon in der Vergangenheit die Opec zu Produktionserhöhungen aufgefordert hat, um die Preise zu senken. Was Barkindo nicht sagte war, dass die OPEC+ die Produktion als Ergebnis von Äußerungen aus den USA erhöhen werde. In der Tat waren die Vereinigten Staaten noch nicht einmal die ersten, die sich über die hohen Ölpreise beschwerten. Indien war unter den ersten und hatte gegenüber Saudi-Arabien schon im Mai seine Besorgnis über den rasch steigenden Ölpreis kundgetan.
Anstelle anzunehmen, dass die Opec+ sich dem Druck der Vereinigten Staaten und anderer Verbraucherländer beugt, sollten sich Marktbeobachter die Frage stellen: “Was für tieferliegende Gründe könnten die Mitgliedsstaaten der Opec+ für eine Anhebung der Ölförderung haben?”. Wenn diese Länder nicht wirtschaftliche oder gar militärische Vergeltungsmaßnahmen der USA oder andere wirtschaftlichen Folgen fürchten, politisch motivierte Statements von US-Politikern via Twitter oder Selbstdarstellung an einer Tankstelle im Washingtoner Regierungsviertel dürften die Erzeugerländer wenig beeindrucken. Die Ölstaaten haben an erster und vorderster Stelle ihre eigenen Interessen im Auge—Einnahmen, die Lage der eigenen Ölindustrie und die heimische politische Situation.
Als Gruppe kommt für die Opec+ noch die Solidarität unter den Mitgliedern hinzu. Indem sie den Verein am Leben halten, gewinnen die Anführer Saudi-Arabien und Russland an Einfluss. Daher ist der wichtigste Grund hinter dem Wunsch nach einer moderaten Produktionserhöhung der Erhalt des ursprünglichen Abkommens zur Beschränkung der Förderung und die Institution, die zu dessen Umsetzung und Überwachung entstanden ist.
Seit Mai 2017 haben einige Länder mit dem Gedanken gespielt entweder aus dem Abkommen auszusteigen oder eine Ausnahmegenehmigung zur Förderung von mehr Öl zu bekommen. Zu diese gehörten Kasachstan, der Irak, Ecuador und Russland. Saudi-Arabien und andere Opec-Schwergewichte wollen die Opec+ Gruppe zusammenhalten—die VAE hat besonders darauf gedrängt, das Abkommen permanent zu machen—mit einem höheren Marktanteil die Gruppe bessere Chancen hat, die Preise zu beeinflussen.
Die Opec+ hat technisch gesehen die Produktion stärker gesenkt, als ursprünglich beabsichtigt und sieht der Möglichkeit entgegen, dass noch mehr Öl vom Markt verschwinden wird, als die US-Sanktionen gegen den Iran wiederhergestellt werden und der Niedergang in Venezuela weitergeht. Mit dem im Hintergrund kann die Opec+ ihr Abkommen aufrechterhalten und es gleichzeitig einigen Mitgliedern mit Reservekapazitäten erlauben, ihre Förderung zu erhöhen. Die Ölpreise würden dann etwas sinken, aber nicht annähernd so stark wie auf dem Höhepunkt des Kapazitätsausbaus in 2015 und 2016.
US-Politiker, die sich über eine 20 Cent Preissteigerung beim Benzin am Tag vor dem US-Feiertag Memorial Day beschweren, fallen dabei kaum ins Gewicht. Auf der anderen Seite ist es nicht verwunderlich, dass Barkindo die Vereinigten Staaten erwähnt, nicht weil die Äußerungen von Trump und anderen in den Kalkulationen der Opec eine Rolle spielten, sondern weil ein solches Statement die Wogen glätten könnte.
Politiker in den USA könnten diese Entwicklung als einen Sieg verkaufen wollen, aber letztlich haben sie Barkindo und die Opec mächtiger aussehen lassen, da trotz all der Ölförderung in den Vereinigten Staaten, deren Politiker es immer noch als notwendig ansehen, das Kartell um eine Senkung der Ölpreise zu bitten.
Jeder der Beteiligten spielt sein eigenes Spiel—sowohl miteinander und über die Medien. Marktbeobachter müssen die Rhetorik durchschauen können, um intelligente Entscheidungen zu treffen, wohin die Reise am Ölmarkt tatsächlich gehen wird.