Der US-Arbeitsmarkt gibt derzeit ein Bild ab, das es in 25 Jahren Datengeschichte so noch nicht gab: Es wird so wenig eingestellt wie zuletzt in der Finanzkrise – und gleichzeitig so wenig entlassen wie fast nie. „Low hire, low fire“ nennt die Wall Street diesen Zustand. Das Werkzeug, mit dem man ihn sehen kann, heißt JOLTS: die monatliche Job Openings and Labor Turnover Survey der US-Arbeitsstatistiker.
Während die Schlagzeilen fast immer nur über die Arbeitslosenquote und die neuen Stellen reden, steckt die eigentliche Diagnose in vier Quoten aus dem JOLTS-Report. Wir haben alle vier über die kompletten 308 Monate seit Ende 2000 ausgewertet – mit Langzeit-Schnitten, Extremwerten und dem, was der aktuelle Stand für Fed, Konjunktur und Börse bedeutet. Eine deutschsprachige Aufbereitung dieser Daten sucht man sonst weitgehend vergeblich. Der Reihe nach.
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Was der JOLTS-Report misst – und warum Quoten statt Millionen
JOLTS wird vom Bureau of Labor Statistics erhoben und erscheint rund fünf Wochen nach Monatsende – die aktuellen Daten für Juli 2026 kamen am 1. September. Der Report zerlegt die Bewegung am Arbeitsmarkt in vier Ströme:
- Offene Stellen (Job Openings): unbesetzte Stellen am Monatsende – zuletzt 7,3 Millionen.
- Einstellungen (Hires): alle Neueinstellungen im Monat – zuletzt 5,1 Millionen.
- Kündigungen (Quits): Beschäftigte, die freiwillig gehen – zuletzt 3,1 Millionen.
- Entlassungen (Layoffs and Discharges): unfreiwillige Abgänge – zuletzt 1,7 Millionen.
Millionen-Zahlen sind über Jahrzehnte aber schwer vergleichbar, weil die Beschäftigung wächst. Deshalb rechnet JOLTS jede Größe zusätzlich als Quote: je 100 Beschäftigte. Erst diese Quoten machen 2026 mit 2009 oder 2021 vergleichbar – und genau mit ihnen arbeiten wir im Rest des Artikels. Einen Überblick, wo JOLTS im Kanon der US-Konjunkturdaten steht, gibt unser Indikatoren-Kompass.
Low hire, low fire: der eingefrorene Jobmarkt

Die Grafik zeigt beide Seiten des Phänomens auf einen Blick:
- Die Einstellungsquote liegt bei 3,2 Prozent – Krisenniveau. Außerhalb der Finanzkrisen-Jahre 2008 bis 2013 gab es solche Werte nur ein einziges Mal: im April 2020, mitten im Covid-Lockdown. Seit August 2025 sind sie der Normalzustand, im Februar 2026 fiel die Quote sogar auf 3,1. Zum Vergleich: Der Langzeit-Schnitt liegt bei 3,7, das Finanzkrisen-Tief bei 2,8.
- Die Entlassungsquote liegt bei 1,0 Prozent – nahe Rekordtief. Niedriger als 0,9 war sie in 308 Monaten nie, und dieser Rekord stammt aus dem Boom-Jahr 2021. Der Langzeit-Schnitt: 1,4.
Übersetzt: Die Unternehmen stellen kaum noch ein, aber sie halten ihre Leute. Wer einen Job hat, ist so sicher wie selten – wer einen sucht, hat es so schwer wie seit der Finanzkrise nicht. Genau diese Spreizung macht die Lage für die Fed so unbequem, denn ihr Doppelmandat verlangt beides: Preisstabilität und maximale Beschäftigung.
Die Kündigungsquote: das Selbstvertrauens-Barometer

Die zweite Ebene des Reports ist psychologischer Natur. Kaum jemand kündigt freiwillig, ohne den nächsten Job schon sicher oder zumindest in Reichweite zu haben. Die Kündigungsquote misst deshalb etwas, das keine Umfrage so ehrlich einfängt: das tatsächliche Selbstvertrauen der Beschäftigten – mit Taten belegt, nicht mit Stimmungsangaben.
Die Geschichte der Quote liest sich wie ein Psychogramm des US-Arbeitsmarkts:
- Great Resignation 2021: 3,0 Prozent. Auf dem Höhepunkt des Nachfrage-Booms kündigten pro Monat 3 von 100 Beschäftigten – Rekord. Arbeitskräfte waren so knapp, dass der Jobwechsel zur sichersten Gehaltserhöhung wurde.
- Finanzkrise 2009: 1,2 Prozent. Der Gegenpol: Wer einen Job hatte, klammerte sich daran.
- Heute: 1,9 Prozent – Tendenz seitwärts bis abwärts. Seit Juni 2025 lag die Quote nicht mehr über dem Langzeit-Schnitt von 2,0. Die Wechsel-Euphorie von 2021 ist vollständig verflogen; die Beschäftigten spüren, dass draußen kaum eingestellt wird.
Für Anleger ist das mehr als Soziologie: Eine sinkende Kündigungsquote gilt als Frühindikator für nachlassendes Lohnwachstum – weniger Jobwechsel bedeuten weniger Gehaltssprünge. Das dämpft mittelfristig die Lohnkosten und damit einen der zähesten Inflationstreiber.
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Die vier Quoten im Überblick: heute gegen den Langzeit-Schnitt

Der Gesamtbefund, jede Quote gegen ihren Schnitt aus 308 Monaten gestellt:
- Offene Stellen: 4,4 gegen 3,7 – über Schnitt. Das ist die eigentliche Kuriosität: An ausgeschriebenen Jobs fehlt es nicht.
- Einstellungen: 3,2 gegen 3,7 – Krisenniveau. Die Stellen sind da, besetzt werden sie nicht. Ein Teil der Anzeigen läuft ins Leere, und die Unternehmen lassen sich mit dem Besetzen so viel Zeit wie nie.
- Kündigungen: 1,9 gegen 2,0 – unter Schnitt. Wenig Wechselmut, siehe oben.
- Entlassungen: 1,0 gegen 1,4 – nahe Rekordtief. Kein Stellenabbau auf breiter Front, nirgends.
Das ist kein gesunder Gleichgewichtszustand, aber auch keine Rezession – eher ein Markt in Wartestellung. Die Goldilocks-Frage, ob die Wirtschaft „genau richtig temperiert“ ist, beantwortet JOLTS derzeit mit: zu kalt beim Einstellen, zu warm beim Halten.
Was das für die Börse heißt – drei Lesarten
- Für die Fed ist „low hire, low fire“ ein Dilemma mit Zinssenkungs-Schlagseite. Ein Arbeitsmarkt, der nicht einstellt, kühlt die Löhne ab und liefert Argumente für lockerere Geldpolitik – ohne dass eine Entlassungswelle Panik auslöst. Was ein Kurswechsel der Fed für die Märkte bedeutet, haben wir beim Fed-Pivot durchgespielt.
- Für den Konsum zählt die Entlassungsquote. Solange sie bei 1,0 klebt, bleiben die Einkommen der rund 160 Millionen Beschäftigten intakt – die wichtigste Stütze der US-Konjunktur. Der US-Konsument fällt historisch erst aus, wenn er seinen Job verliert, nicht wenn er ihn nur behält.
- Der Kipppunkt hätte eine klare Signatur. Gefährlich wird es, wenn die Entlassungsquote deutlich anzieht, während die Einstellungsquote auf Krisenniveau verharrt – dann kippt „Wartestellung“ in Abschwung. Genau diese Kombination ging früheren Rezessionen voraus. Deshalb gehört die JOLTS-Veröffentlichung auf den Monatskalender. Und weil niedrigere Zinsen den Nenner jeder Aktienbewertung entlasten, führt auch von hier eine direkte Linie ins Depot.
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Schlusswort: vier Quoten, ein Diagnosebild
Der JOLTS-Report beantwortet die Frage, die die Arbeitslosenquote allein nicht beantworten kann: nicht nur wie viele Menschen Arbeit haben, sondern wie viel Bewegung im Markt steckt. Die aktuelle Antwort – viele offene Stellen, wenig Einstellungen, wenig Kündigungen, fast keine Entlassungen – beschreibt einen Arbeitsmarkt, der eingefroren ist, aber nicht bricht. Für die Börse ist das bis auf Weiteres eher Rückenwind als Risiko: abkühlende Löhne ohne Entlassungswelle. Das Signal zum Umdenken käme nicht aus den Schlagzeilen, sondern aus einer einzigen Zeile des Reports: der Entlassungsquote.
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FAQ: JOLTS und die US-Arbeitsmarkt-Quoten
Was ist der JOLTS-Report?
Die Job Openings and Labor Turnover Survey des US Bureau of Labor Statistics. Sie misst monatlich offene Stellen, Einstellungen, freiwillige Kündigungen und Entlassungen – jeweils absolut und als Quote je 100 Beschäftigte. Der Report erscheint rund fünf Wochen nach Monatsende und gilt neben dem Arbeitsmarktbericht als wichtigste Quelle zur Verfassung des US-Jobmarkts. Den jeweils aktuellen JOLTS-Release veröffentlicht das BLS auf seiner Website.
Was bedeutet „low hire, low fire“?
Einen Arbeitsmarkt, in dem gleichzeitig sehr wenig eingestellt und sehr wenig entlassen wird. Aktuell liegt die US-Einstellungsquote mit 3,2 Prozent auf dem Niveau der Finanzkrisen-Jahre, die Entlassungsquote mit 1,0 Prozent nahe dem Rekordtief. Unternehmen halten ihre Belegschaft, schaffen aber kaum neue Jobs – sicher für Beschäftigte, schwierig für Jobsucher. Die wöchentlichen Erstanträge bestätigen dieses Bild von der Entlassungsseite her: Sie liegen so tief wie kaum je zuvor, und was das für die Konjunktur bedeutet, zeigt der Test der Rezession-Indikatoren.
Was sagt die Kündigungsquote (Quits Rate) aus?
Sie misst, wie viele Beschäftigte je 100 pro Monat freiwillig kündigen – und gilt als ehrlichster Indikator für das Selbstvertrauen der Arbeitnehmer, denn kaum jemand kündigt ohne Aussicht auf etwas Besseres. Rekord: 3,0 Prozent in der Great Resignation Ende 2021. Aktuell: 1,9 Prozent, leicht unter dem Langzeit-Schnitt von 2,0.
Wann erscheint der JOLTS-Report?
In der Regel rund fünf Wochen nach Ende des Berichtsmonats, meist am Monatsanfang – die Juli-Daten 2026 kamen am 1. September. Veröffentlicht wird er vom Bureau of Labor Statistics, alle Zeitreihen sind frei über die Fed-Datenbank FRED abrufbar.
Wie steht der US-Arbeitsmarkt aktuell laut JOLTS da?
Stand Juli 2026 (Release vom 1. September): Quote offener Stellen 4,4 Prozent (über dem Schnitt), Einstellungsquote 3,2 Prozent (Krisenniveau), Kündigungsquote 1,9 Prozent (unter dem Schnitt), Entlassungsquote 1,0 Prozent (nahe Rekordtief) – das Muster „low hire, low fire“.
Hinweis: Dieser Artikel stellt keine Anlageberatung dar. Alle Angaben basieren auf aktuellen Daten und Analystenschätzungen, die sich jederzeit ändern können. Robert ist zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht in die in diesem Artikel genannten Wertpapiere investiert.
