Im Januar 2026 gewann der Russell 2000 5,3 Prozent, während der S&P 500 bei 1,4 Prozent blieb. Fast vier Punkte Vorsprung für die Nebenwerte, ausgerechnet im ersten Monat des Jahres: Der Januar-Effekt, eine der ältesten Anomalien der Börsengeschichte, sah aus wie frisch auferstanden.
Der Blick auf einen einzelnen Januar führt bei diesem Thema allerdings in die Irre, und zwar in beide Richtungen. Der Januar-Effekt hat eine Lebensgeschichte, wie sie im Lehrbuch steht: 1942 zum ersten Mal beschrieben, über ein halbes Jahrhundert hinweg einer der verlässlichsten Kalendereffekte überhaupt, in den 1970er und 1980er Jahren von der Wissenschaft vermessen und berühmt gemacht – und seitdem Stück für Stück verschwunden, in dem Maße, in dem Anleger ihn kannten und handelten.
Hundert Januare, von 1927 bis 2026, erzählen diese Geschichte vollständig, vom Aufstieg bis zum Nachlass. Und sie beantworten nebenbei die zweite Januar-Frage, die jedes Jahr durch die Finanzpresse läuft: ob der erste Monat wirklich anzeigt, wie das Jahr wird.
Was der Januar-Effekt ist – und woher er kommt
Der Januar-Effekt beschreibt die Beobachtung, dass kleine Aktien den großen im ersten Monat des Jahres davonlaufen. Sidney Wachtel beschrieb das Muster 1942 als Erster; eine gängige Erklärung lieferte er gleich mit: Zum Jahresende verkaufen Anleger ihre Verlierer, um Kursverluste steuerlich geltend zu machen. Dieser Verkaufsdruck trifft kleine, marktenge Titel am härtesten – und wenn er im Januar wegfällt, schnellen genau diese Titel zurück. Dazu kommen frisches Geld, das zum Jahresanfang in die Depots fließt, und Fondsmanager, die zum Bilanzstichtag ungern Verliereraktien im Ausweis zeigen und sie im Januar zurückkaufen.
Die Kurse gaben dieser Mechanik jahrzehntelang recht. In den Größendezilen des US-Aktienmarkts, wie sie die Datenbibliothek von Kenneth French seit 1926 führt, verloren die kleinsten zehn Prozent aller US-Aktien im Dezember der Jahre 1927 bis 1983 im Schnitt 0,3 Prozent, während die größten zehn Prozent 1,4 Prozent zulegten. Im Januar drehte sich das Bild ins Gegenteil: plus 9,7 Prozent für die Kleinsten, plus 0,9 für die Größten. Erst der Abschlag, dann der Rückprall: Das Muster passt genau zu Wachtels Erklärung.

Über die vollen hundert Jahre bleibt vom Kalender genau ein Monat übrig. Im Januar schlugen die kleinsten Aktien die größten im Mittel um 6,1 Prozentpunkte, bei 78 positiven Januaren von 100. Der zweitbeste Monat, der Februar, kommt auf 1,3 Punkte. Alle übrigen pendeln um die Null. Gleichgewichtet gerechnet, also mit vollem Gewicht der kleinsten Werte, wächst der Januar-Vorsprung auf 8,7 Punkte, mit 92 positiven Januaren von 100.
Ein Jahrhundert Januar: fast die ganze Größenprämie in einem Monat
Wie viel an diesem Kalenderberg Zufall sein kann, klärt derselbe Test, der schon den Monat des Jahreshochs und den Wahlzyklus geprüft hat: Die rund 1.200 Monatswerte werden zehntausendmal zufällig auf die zwölf Kalendermonate verteilt. Kein einziger der zehntausend Durchläufe erzeugt einen Januar-Vorsprung von 6,1 Punkten – auch dann nicht, wenn der Zufall sich in jedem Durchlauf seinen besten Monat aussuchen darf. Für die Jahre 1927 bis 1983 ist der Januar-Effekt so weit von Rauschen entfernt, wie es eine Kalenderanomalie überhaupt sein kann.
Über die arithmetische Summe der hundert Jahre steuert der Januar 607 Prozentpunkte Größenprämie bei – die übrigen elf Monate zusammen minus 68. Die berühmte Prämie kleiner Aktien, auf die Rolf Banz 1981 eine ganze Forschungsrichtung baute, war über ein Jahrhundert betrachtet keine Prämie kleiner Aktien. Sie war eine Prämie des Januars.

Auch innerhalb des Monats hielt sich der Effekt an einen engen Fahrplan. Von den 2,8 Prozentpunkten, die der SMB-Faktor – die handelbare Messgröße für klein gegen groß – im Januar der Jahre 1927 bis 1983 im Schnitt einspielte, entstanden 1,4 in den ersten fünf Handelstagen, 0,6 davon am allerersten. Wer den Effekt ernten wollte, musste am Silvesterabend investiert sein; wer in der zweiten Monatshälfte kam, fand nur noch Reste. Die Santa Claus Rally, die die letzten fünf Dezember- und ersten zwei Januartage umfasst, schneidet genau dieses Zeitfenster an – die beiden Muster sind Nachbarn, aber nicht dasselbe: Dort geht es um den Gesamtmarkt, hier um den Abstand zwischen klein und groß.

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1976 wird der Effekt berühmt – und beginnt zu verschwinden
Michael Rozeff und William Kinney vermaßen die Saisonalität der US-Aktienrenditen 1976 im Journal of Financial Economics und fanden die Monatsunterschiede „primär in großen Januar-Renditen“. Rolf Banz zeigte 1981, dass kleine Aktien langfristig mehr abwarfen als große; Donald Keim rechnete 1983 nach, dass diese Prämie zu einem großen Teil im Januar saß. Aus einer Händler-Beobachtung war zitierfähige Wissenschaft geworden, und aus der Wissenschaft wurden Produkte: Small-Cap-Fonds, Russell-2000-Indexprodukte und Kalenderstrategien, die jeder nachlesen konnte.
Was dann geschah, lässt sich auf einer einzigen Linie ablesen. Das rollierende 20-Jahres-Mittel des Januar-Vorsprungs lag 1946 bei 12,6 Punkten, zur Publikation von Rozeff und Kinney noch bei gut 8, Ende der 1990er bei 3 – und heute bei 0,8. Die Jahre 1984 bis 2004 brachten im Schnitt noch 4,2 Punkte, die Jahre seit 2005 noch 1,0. Seit 2014 ist der Median der Januar-Differenz negativ: In 8 der letzten 13 Jahre liefen die Kleinsten im Januar schlechter als die Größten.

Dieses Muster hat System. David McLean und Jeffrey Pontiff untersuchten 2016 im Journal of Finance 97 publizierte Renditeanomalien: Nach dem Ende des untersuchten Zeitraums schrumpften die Renditen um 26 Prozent, nach der Veröffentlichung um 58. Anleger lesen Studien – und handeln die Muster weg, über die sie lesen. Der Januar-Effekt ist das Lehrbuchbeispiel dieses Mechanismus, und er zeigt ihn sogar doppelt: Der Dezember-Abschlag der kleinen Aktien, der den Januar-Sprung überhaupt erst auflud, hat sich seit 2005 in ein Plus von 1,3 Punkten verkehrt. Wer dem Januar zuvorkommen will, kauft eben im Dezember – und je mehr Anleger das tun, desto weniger bleibt vom Januar übrig.
Im strengen Sinn des Zufallstests ist der handelbare Effekt damit tot: Für den SMB-Faktor seit 1984 bleibt ein Januar-Vorsprung von 0,5 Punkten, den der Zufall in 16 Prozent der Fälle auch erzeugt. Was den Test weiter besteht, ist allein die Dezil-Differenz – getragen von Kleinstwerten, deren Geld-Brief-Spannen und Marktenge die gemessenen Kurse für normale Anleger unerreichbar machen. Der Januar-Effekt lebt dort, wo man ihn nicht kaufen kann.
Im Russell 2000 ist nichts mehr übrig
Für Anleger zählt das handelbare Universum, und dort fällt die Bilanz eindeutig aus. Seit es den Russell 2000 gibt, hat er den S&P 500 in 16 von 39 Januaren geschlagen; der Median der Differenz liegt bei minus 0,1 Punkten. Ein Münzwurf hätte es besser getroffen. Die Extreme zeigen zugleich, wie breit die Einzeljahre streuen: 1992 gewannen die Nebenwerte den Januar mit zehn Punkten Vorsprung, 2024 verloren sie ihn mit 5,5 Punkten Rückstand.

Vor diesem Hintergrund bekommt der Januar 2026 seinen Platz. Plus 3,9 Punkte für den Russell waren der stärkste Nebenwerte-Januar seit 2021 – nach 2022 und 2024, zwei der schwächsten Januare der Reihe. Einzelne starke Januare hat auch die Verfallszeit des Effekts immer wieder geliefert; eine Rückkehr des Musters lässt sich daraus so wenig ablesen wie 2024 sein endgültiges Ende. Dass der Russell sein 2026er Polster bis Ende Oktober auf gut zwei Punkte Vorsprung im Jahresstand gehalten hat, ist eine Geschichte über dieses eine Jahr – nicht über den Kalender.
Das Januar-Barometer: die zweite Januar-Geschichte
Neben dem Januar-Effekt hält sich eine zweite Regel über den ersten Monat, und die beiden werden gern verwechselt. „Wie der Januar, so das Jahr“: Das Januar-Barometer, das Yale Hirsch 1972 im Stock Trader’s Almanac einführte, erklärt den ersten Monat zum Vorboten des ganzen Jahres. Damit die Rechnung nicht an einer Selbstverständlichkeit hängt – der Januar steckt ja im Jahresergebnis drin -, gehört sie gegen den Rest des Jahres gerechnet, von Ende Januar bis Silvester.
So gerechnet hat das Barometer seit 1950 tatsächlich geliefert. Nach einem positiven Januar beendete der S&P 500 den Jahresrest in 87 Prozent der Fälle im Plus, mit einem Median von 13,4 Prozent; nach einem negativen Januar nur in 60 Prozent, bei mageren 3,5 Prozent im Median. Zum Vergleich: Ohne jede Bedingung endete der Jahresrest in 76 Prozent der Fälle positiv. Der Permutationstest nimmt auch diese Hürde – die Paarung aus Januar und Jahresrest ist mit einer Zufallswahrscheinlichkeit von 0,9 Prozent keine Laune der Daten.
Der Januar ist allerdings kein Solist. Nach demselben Verfahren trennt der Februar Plus- von Minusjahren fast genauso gut (25 Punkte Abstand gegen 27 im Januar), der März folgt mit 22. Ein guter Jahresauftakt macht ein gutes Jahr wahrscheinlicher, egal in welchem der frühen Monate er stattfindet – ein später Monat wie der November zeigt sogar das umgekehrte Muster. Das Barometer misst weniger eine Januar-Magie als die simple Tatsache, dass Stärke am Jahresanfang oft Stärke im Jahresverlauf begleitet.

Und die Warnkraft des Minus-Januars stammt aus der alten Welt. Von 1950 bis 1983 folgte auf einen negativen Januar nur in 43 Prozent der Fälle ein positiver Jahresrest, der Median lag bei minus 5,7 Prozent – das war ein Signal. Seit 1984 endete der Jahresrest nach einem Minus-Januar in 75 Prozent der Fälle im Plus, kaum unter der Basisrate von 79. Wer in den letzten vier Jahrzehnten nach einem schwachen Januar verkauft hat, hat meistens ein positives Restjahr verkauft. Übrig geblieben ist vor allem der Abstand der Mediane: Nach starken Januaren waren die Restjahre mit 14,6 Prozent im Median deutlich üppiger als nach schwachen mit 6,1.
Die Kurzversion des Barometers taugt übrigens noch weniger: Die ersten fünf Handelstage, ebenfalls ein Almanac-Klassiker, treffen die Richtung des Restjahres seit 1950 in 66 Prozent der Fälle – die Basisrate liegt bei 70. Seit 1984 liegen sie mit 55 Prozent sogar klar darunter. Und der DAX hat nie ein Januar-Barometer besessen: Sein Januar traf die Richtung des Restjahres in 59 Prozent der Fälle, bei einer Basisrate von 73.
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Was Anleger daraus machen können
Der Januar-Effekt ist der seltene Fall, in dem sich die Frage „Warum sollte das Muster ausgerechnet weiterbestehen, wenn es jeder kennt?“ historisch beantworten lässt: Es bestand nicht weiter. Die Anomalie überlebte ein halbes Jahrhundert im Verborgenen und keine vier Jahrzehnte im Rampenlicht. Second-Level Thinking heißt beim Kalender deshalb, jede Regel zuerst auf ihr Publikationsdatum zu prüfen: Was 1942 ein Informationsvorsprung war und 1976 eine Entdeckung, ist seit den 1990ern eine Konsenserwartung – und Konsens wird vorweggenommen, bis nichts mehr übrig ist. Der verschwundene Dezember-Abschlag zeigt dieses Vorziehen in Echtzeit.
Wer kleine Aktien kaufen will, braucht dafür also bessere Gründe als den Kalender – Bewertung, Qualität, Zinsumfeld tragen eine Entscheidung, der Monatsname nicht. Und wer das Barometer nutzen will, sollte es als das nehmen, was die Zahlen hergeben: Ein starker Januar verschiebt die Wahrscheinlichkeiten für den Rest des Jahres spürbar nach oben, ein schwacher Januar ist seit vier Jahrzehnten kein Verkaufssignal mehr. Der Markt bleibt ein Pendel, und der Kalender gehört zu den schwächsten Kräften, die daran ziehen – 2026 führt beide Seiten gleichzeitig vor: einen Januar, der den Nebenwerten gehörte, und ein Zwischenwahljahr, das laut Kalender das schwächste des Zyklus sein müsste und zweistellig im Plus liegt.
Fazit
Der Januar-Effekt war hundert Jahre lang real, groß und erklärbar – 6,1 Punkte Vorsprung der kleinsten gegen die größten Aktien im Schnitt, 78 von 100 Januaren positiv, konzentriert auf die ersten Handelstage, gespeist aus Steuerverkäufen im Dezember. Genau diese Messbarkeit wurde ihm zum Verhängnis: Seit die Studien von Rozeff/Kinney und Banz den Effekt in den 1970er und 1980er Jahren berühmt machten, ist sein rollierendes 20-Jahres-Mittel von gut 8 auf 0,8 Punkte geschrumpft, im Russell 2000 hat er seit 1988 keinen Vorsprung mehr geliefert, und der handelbare SMB-Faktor besteht den Zufallstest seit 1984 nicht mehr.
Das Januar-Barometer wiederum ist kein Mythos, aber auch kein Orakel: Es lebt vom langen Jahresrest und von den Jahren vor 1984, der Februar kann es fast genauso gut, und seine Warnfunktion nach schwachen Januaren ist verschwunden. Vom ganzen Januar-Zauber bleibt eine Erkenntnis, die nüchterner ist als jede Kalenderregel – und wertvoller: Eine Anomalie, die jeder kennt, ist keine mehr.
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Januar-Effekt?
Der Januar-Effekt beschreibt die Beobachtung, dass kleine Aktien große Aktien im Januar schlagen. Von 1927 bis 2026 gewannen die kleinsten zehn Prozent der US-Aktien den Januar im Mittel mit 6,1 Prozentpunkten Vorsprung vor den größten zehn Prozent; 78 von 100 Januaren fielen positiv aus. Als Haupterklärung gelten Steuerverkäufe im Dezember, deren Druck im Januar wegfällt.
Gibt es den Januar-Effekt noch?
Im handelbaren Universum nicht mehr. Der Russell 2000 schlug den S&P 500 seit 1988 nur in 16 von 39 Januaren, der Median der Differenz liegt bei minus 0,1 Prozentpunkten. Der messbare Rest des Effekts sitzt in Kleinstwerten, deren Kurse sich wegen Marktenge kaum handeln lassen. Das rollierende 20-Jahres-Mittel des Effekts fiel von 12,6 Punkten (1946) auf 0,8 (2026).
Warum ist der Januar-Effekt verschwunden?
Weil er bekannt wurde. Nach den Studien von Rozeff/Kinney (1976), Banz (1981) und Keim (1983) zogen Anleger den Kauf kleiner Aktien in den Dezember vor; der frühere Dezember-Abschlag der Nebenwerte hat sich seit 2005 in ein Plus verkehrt. McLean und Pontiff bezifferten 2016, dass publizierte Anomalien nach ihrer Veröffentlichung im Schnitt 58 Prozent ihrer Rendite verlieren – der Januar-Effekt ist das Paradebeispiel.
Was ist das Januar-Barometer?
Die Regel „Wie der Januar, so das Jahr“, 1972 von Yale Hirsch eingeführt. Sauber gerechnet wird sie gegen den Jahresrest von Februar bis Dezember: Nach einem positiven Januar endete dieser Rest seit 1950 in 87 Prozent der Fälle im Plus (Median +13,4 Prozent), nach einem negativen in 60 Prozent (Median +3,5), bei einer Basisrate von 76 Prozent.
Wie zuverlässig ist das Januar-Barometer?
Es verschiebt Wahrscheinlichkeiten, mehr nicht. Der Februar trennt gute von schlechten Jahresresten fast genauso gut wie der Januar, und die Warnkraft des Minus-Januars stammt aus den Jahren vor 1984 – seitdem folgte auf einen schwachen Januar in 75 Prozent der Fälle trotzdem ein positiver Jahresrest. Die ersten fünf Handelstage als Kurzversion treffen die Richtung des Restjahres seltener als die Basisrate.
Gilt der Januar-Effekt auch für den DAX?
Der DAX startete seit 1989 ordentlich ins Jahr (Januar-Median +2,2 Prozent, 22 von 37 positiv), aber ein deutsches Januar-Barometer gibt es nicht: Sein Januar traf die Richtung des Jahresrests nur in 59 Prozent der Fälle, die Basisrate liegt bei 73 Prozent. Ein deutscher Januar-Effekt im engen Sinn (kleine gegen große Aktien) lässt sich mangels langer Nebenwerte-Historie nicht über denselben Zeitraum messen.
Hinweis: Dieser Artikel stellt keine Anlageberatung dar. Historische Kursmuster sagen nichts über künftige Ergebnisse. Alle Angaben beziehen sich auf die genannten Stichtage.
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