Vier Prozent Zinsen klingen gut, solange man nicht nachrechnet. Steigen die Preise im selben Jahr um drei Prozent, bleibt real ein Prozent. Genau diese Differenz ist der Realzins, und sie entscheidet darüber, ob Geld an Kaufkraft gewinnt oder verliert. Gerade lohnt sich der Blick besonders: Die reale Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen liegt bei 2,60 Prozent. Höher stand sie zuletzt am 28. November 2008.
Was der Realzins ist und wie man ihn berechnet
Der Nominalzins ist die Zahl, die auf dem Papier steht. Der Realzins ist das, was nach Abzug der Geldentwertung übrig bleibt:
- Realzins = Nominalzins minus Inflation. Für eine grobe Rechnung reicht diese Subtraktion völlig aus.
- Genauer geht es mit der Fisher-Gleichung: (1 + Nominalzins) geteilt durch (1 + Inflation), minus 1. Bei 4,96 Prozent Zins und 2,36 Prozent Inflation ergibt das 2,54 statt 2,60 Prozent. Bei niedrigen Werten ist der Unterschied klein, bei zweistelliger Inflation wird er groß.
- Entscheidend ist, welche Inflation man einsetzt. Die vergangene kennt man, die künftige nicht – und für eine Anlage über zehn Jahre zählt die künftige.
Der Anleihemarkt löst dieses Problem selbst. Neben normalen Staatsanleihen gibt es inflationsindexierte Papiere, in den USA TIPS genannt. Ihr Nennwert wächst mit den Verbraucherpreisen, bei Fälligkeit wird mindestens der ursprüngliche Betrag zurückgezahlt. Wer ein solches Papier kauft, bekommt seine Rendite also zusätzlich zur Inflation – das ist der Realzins, direkt am Markt abgelesen und nicht geschätzt.
Aus beiden Renditen ergibt sich nebenbei eine dritte Größe: Die Differenz zwischen der normalen und der inflationsgeschützten Anleihe zeigt, welche Teuerung der Markt für die Laufzeit einpreist. Diese Breakeven-Rate ist die Inflationserwartung, mit der im Folgenden gerechnet wird. Drei Zahlen, ein Zusammenhang:
- Nominale Rendite: 4,96 Prozent
- Eingepreiste Inflation: 2,36 Prozent
- Realzins: 2,60 Prozent
Der Realzins ist so hoch wie zuletzt 2008

Die Zeitreihe reicht bis Anfang 2003 zurück, weiter nicht, weil die US-Notenbank die reale Zehnjahresrendite erst seit damals als eigene Reihe führt. In diesen knapp 24 Jahren, 5.928 Handelstagen, ergibt sich ein klares Bild:
- An nur 75 Tagen lag der Realzins bei 2,60 Prozent oder höher. 74 davon fallen in die Jahre 2006 bis 2008, der 75. ist der vergangene Freitag.
- Die Hochs vor der Finanzkrise lagen bei 2,68 Prozent (Juni 2006) und 2,83 Prozent (Juni 2007). Das aktuelle Niveau liegt knapp darunter.
- Das Rekordhoch der Reihe stammt vom 21. November 2008 mit 3,15 Prozent, aus den Wochen nach der Lehman-Pleite, als Anleger selbst Staatsanleihen verkauften.
- Auf der anderen Seite: An 955 Tagen war der Realzins negativ, das ist jeder sechste. Zwischen August 2011 und April 2022 lag er fast durchgehend nahe null oder darunter, das Tief bei -1,19 Prozent im August 2021.
Wer also in den vergangenen fünfzehn Jahren gelernt hat, dass sichere Anlagen real nichts abwerfen, hat das aus gutem Grund gelernt. Diese Zeit ist vorbei.
Der ganze Zinsanstieg kommt vom Realzins

Hier wird die Zerlegung nützlich. Eine steigende nominale Rendite kann zwei völlig verschiedene Dinge bedeuten: Der Markt erwartet mehr Inflation, oder er verlangt real mehr. Der Unterschied ist erheblich, weil nur das Zweite für Anleger eine echte Hürde ist.
Anfang 2022 lag die nominale Rendite bei 1,63 Prozent, der Realzins bei -0,97 Prozent, die Inflationserwartung bei 2,60 Prozent. Heute:
- Die nominale Rendite ist um 3,33 Punkte gestiegen.
- Der Realzins ist um 3,57 Punkte gestiegen.
- Die Inflationserwartung ist um 0,24 Punkte gefallen.
Der Anstieg kommt also vollständig vom realen Teil, und die eingepreiste Inflation hat sogar leicht nachgegeben. Sie bewegt sich seit 2023 in einer engen Spanne zwischen 2,02 und 2,52 Prozent. Der Markt rechnet nicht mit einer Rückkehr hoher Teuerung, er verlangt schlicht mehr echten Ertrag für das Verleihen von Geld über zehn Jahre.
Wofür genau, darüber lässt sich streiten. Kandidaten sind das wachsende Angebot an Staatsanleihen, eine höhere Prämie für das Zinsänderungsrisiko und die Frage, wo der natürliche Zins einer Volkswirtschaft heute überhaupt liegt – jener Zins, der weder bremst noch stimuliert. Die New Yorker Fed schätzt ihn laufend und hat die Schätzung nach der Pandemie angehoben.
Vier Zinswelten in 23 Jahren

Der Durchschnitt über die gesamte Reihe hilft wenig, weil sich vier klar getrennte Phasen aneinanderreihen:
- 2003 bis 2008: 2,01 Prozent. Die Welt vor der Finanzkrise, in der sichere Anlagen real ordentlich verzinst waren.
- 2009 bis 2019: 0,53 Prozent. Nullzinsen und Anleihekäufe der Notenbanken drückten den realen Ertrag fast auf null.
- 2020 bis 2021: -0,76 Prozent. In der Pandemie wurde das Halten sicherer Anleihen zum garantierten Kaufkraftverlust.
- 2022 bis heute: 1,59 Prozent. Nach der Zinswende, mit steigender Tendenz bis auf die aktuellen 2,60 Prozent.
Die Phase von 2009 bis 2021 war also nicht der Normalfall, sondern die Ausnahme. Wer seine Anlagestrategie in dieser Zeit entwickelt hat, arbeitet womöglich mit Annahmen, die heute nicht mehr gelten.
Was ein Realzins von 2,60 Prozent praktisch bedeutet

Prozentpunkte bleiben abstrakt, solange man sie nicht in Geld übersetzt. Dieselben 10.000 Dollar, dieselben zehn Jahre, nur ein anderer Realzins:
- Beim Rekordtief von -1,19 Prozent bleiben 8.872 Dollar Kaufkraft übrig.
- Beim Schnitt der Jahre 2009 bis 2019 (0,53 Prozent) sind es 10.543 Dollar.
- Beim heutigen Niveau von 2,60 Prozent sind es 12.926 Dollar.
- Beim Hoch von 2007 (2,83 Prozent) wären es 13.219 Dollar.
Zwischen der ersten und der dritten Zeile liegen gut 4.000 Dollar, allein aus der Frage, zu welchem Zeitpunkt man dasselbe Papier gekauft hat. Für langfristige Sparziele ist der Realzins damit die wichtigere Stellschraube als jede Renditenachkommastelle im Nominalen.
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Was ein hoher Realzins für Aktien, Anleihen und Gold bedeutet
Der Realzins ist die Hürde, die jede andere Anlage überspringen muss. Wenn eine sichere Staatsanleihe real 2,6 Prozent bringt, muss alles Riskantere spürbar mehr liefern, sonst lohnt sich das Risiko nicht. Daraus folgt für die einzelnen Anlageklassen:
- Aktien: Künftige Gewinne werden mit einem höheren Zins abgezinst und sind damit heute weniger wert. Das trifft Unternehmen besonders, deren Gewinne weit in der Zukunft liegen. Wie stark dieser Effekt rechnerisch ist, haben wir in der Zins-Mechanik durchgerechnet.
- Anleihen: Für Neuanleger ist ein hoher Realzins eine gute Nachricht, weil sie ihn für die Laufzeit festschreiben. Für Bestandshalter war der Weg dorthin schmerzhaft, weil steigende Renditen die Kurse laufender Papiere drücken. Was ein Unternehmen darüber hinaus zahlen muss, zeigen die Credit Spreads.
- Gold: Das Metall zahlt keine Zinsen. Je mehr eine sichere Anleihe real abwirft, desto teurer wird es, stattdessen Gold zu halten. Diese Rechnung ist der Grund, warum Gold und Realzins historisch oft gegenläufig liefen.
Ein hoher Realzins ist deshalb kein Weltuntergang, sondern eine Verschiebung der Maßstäbe. Er macht Sicherheit wieder bezahlbar und Wachstumsversprechen teurer. Wer wissen will, wie die Fed diesen Preis über den kurzen Zins steuert, findet das im Fed-Kompass; und wer sich fragt, wie stark der Arbeitsmarkt diese Entscheidungen prägt, im JOLTS-Report.
Wo die Grenzen dieser Kennzahl liegen
Der Realzins ist eine saubere Zahl, aber kein Orakel. Vier Einschränkungen gehören dazu:
- Die eingepreiste Inflation ist eine Erwartung, keine Tatsache. Sie kann falsch liegen, und dann stimmt auch der abgelesene Realzins im Rückblick nicht.
- In der Zahl steckt mehr als nur der reale Zins. Inflationsgeschützte Anleihen werden weniger gehandelt als normale, in Stressphasen steckt eine Liquiditätsprämie in der Rendite. Der Ausschlag auf 3,15 Prozent im November 2008 ist dafür das Musterbeispiel: Das war keine neue Zinswelt, sondern eine Panik.
- Die Reihe ist kurz. Knapp 24 Jahre sind für Aussagen über Zinszyklen wenig, und sie umfassen genau eine Phase extremer Geldpolitik.
- Es sind US-Zahlen. Für den Euroraum gibt es keine ebenso lange und liquide Reihe. Da der US-Zins aber der globale Anker ist, ist die Richtung auch hier aussagekräftig.
Und noch etwas: Aus dem aktuellen Stand folgt keine Prognose. Rein rechnerisch gilt zwar, dass die nominale Rendite bei 5,04 bis 5,19 Prozent läge, wenn der Realzins die Vorkrisen-Hochs erreicht und die Inflationserwartung bei 2,36 Prozent bleibt. Das ist eine Ableitung, keine Erwartung – genauso gut kann der Realzins wieder fallen. Dass Kennzahlen zu ihren Mittelwerten zurückkehren, gilt auch hier nur über lange Zeiträume und mit viel Geduld, wie wir bei der Mean Reversion gezeigt haben.
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FAQ: Realzins
Wie berechnet man den Realzins?
Im einfachsten Fall zieht man von der nominalen Rendite die Inflationsrate ab. Genauer rechnet die Fisher-Gleichung: (1 + Nominalzins) geteilt durch (1 + Inflation), minus 1. Bei 4,96 Prozent Zins und 2,36 Prozent Inflation ergibt die einfache Rechnung 2,60 Prozent, die genaue 2,54 Prozent.
Wie hoch ist der Realzins aktuell?
Die reale Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen liegt bei 2,60 Prozent (Stand 11. September 2026). Das ist der höchste Wert seit dem 28. November 2008. Die nominale Rendite beträgt 4,96 Prozent, die eingepreiste Inflation 2,36 Prozent.
Was ist der Unterschied zwischen Nominalzins und Realzins?
Der Nominalzins ist der ausgewiesene Zinssatz, der Realzins zieht davon die Geldentwertung ab. Nur der Realzins sagt, ob eine Anlage Kaufkraft schafft. Bei drei Prozent Zins und vier Prozent Inflation verliert man real ein Prozent, obwohl auf dem Konto mehr Geld liegt.
Kann der Realzins negativ sein?
Ja, und er war es an 955 der 5.928 Handelstage seit 2003, also an jedem sechsten. Zwischen August 2011 und April 2022 lag er fast durchgehend im negativen Bereich, im August 2021 bei -1,19 Prozent. Wer damals eine zehnjährige US-Staatsanleihe kaufte, sicherte sich einen garantierten Kaufkraftverlust.
Warum steigt der Realzins, obwohl die Inflationserwartung fällt?
Weil beides voneinander unabhängig ist. Seit Anfang 2022 ist die nominale Rendite um 3,33 Punkte gestiegen, der reale Anteil um 3,57 Punkte, während die eingepreiste Inflation um 0,24 Punkte nachgab. Der Markt rechnet also nicht mit mehr Teuerung, sondern verlangt mehr echten Ertrag.
Was bedeutet ein hoher Realzins für Aktien?
Er erhöht die Messlatte. Künftige Gewinne werden stärker abgezinst und sind heute weniger wert, und riskantere Anlagen müssen mehr liefern, um gegen eine sichere Anleihe zu bestehen. Besonders betroffen sind Unternehmen, deren Gewinne weit in der Zukunft erwartet werden.
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Hinweis: Dieser Artikel stellt keine Anlageberatung dar. Alle Angaben basieren auf aktuellen Daten und Analystenschätzungen, die sich jederzeit ändern können. Robert ist zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht in die in diesem Artikel genannten Wertpapiere investiert.
