In den ersten 25 Tagen des Monats September stiegen die Preise für Brent um 12,7 Prozent auf 59,02 $ pro Barrel. Nach fast drei Jahren Preisdruck und einem Sommer, in dem Brent einen Tiefstpreis von 44,82 $ pro Barrel erreichte, werden Spekulationen über eine erhebliche Erholung lauter. Es wichtig, zu verstehen, welche Marktfaktoren zu diesem Preisanstieg in den vergangenen drei bis vier Wochen beigetragen haben könnten.
1) Unabhängigkeitsreferendum Kurdistans
In der vergangenen Woche nahmen die Befürchtungen über eine weitere Destabilisierung im Nahen Osten weiter zu, insbesondere im Vorfeld des durch die Kurdische Regionalregierung (KRG) durchgeführten Volksentscheids über die Unabhängigkeit Kurdistans am 25. September. Am vergangenen Montag drohte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğandamit, die Ceyhan-Pipeline zu schließen, die täglich rund 550.000 Barrels Öl pro Tag aus der KRG-Region zu einem Hafen in der Türkei bringt. Zwar hatte die Türkei zum Zeitpunkt dieses Artikels seine Drohung noch nicht wahrgemacht, dennoch bestätigte Erdogan erneut, dass er als Vergeltung für das Referendum „den Hahn zudrehen“ werde.
Befürchtungen über allgemeine Instabilität und insbesondere reduzierte Versorgung aus den Kurdengebieten förderte den Ölpreis. Niemand weiß, wie sich die Region destabilisieren wird und wie die geopolitischen Probleme gelöst werden. Türkei, Iran und Irak sind zwar erbost über das Referendum und drohten der KRG, dennoch hat die Region gewichtige Argumente für ihre Unabhängigkeit: erfahrenes Militär, Gebietskontrolle, bestehende Wirtschaft und Kontrolle über das Wasser aus dem Tigris.
2) Produktionskürzungen der OPEC/Drittproduzenten
Der Überwachungsausschuss aus Beobachtern der OPEC und unabhängigen Produzenten traf sich am 22. September in Wien und verkündete die Reduzierung des globalen Überangebots „um die Hälfte“. Gleichzeitig gab der Ausschuss keine Empfehlungen darüber ab, ob die Produktionskürzungen über das Ablaufdatum im März 2018 hinaus verlängert werden sollen. Der russische Energieminister Alexander Nowak erwähnte die Möglichkeit einer „schrittweisen, langsamen Ausstiegsstrategie,“ die die Gruppe in der zweiten Jahreshälfte 2018 implementieren könnte. Nowak deutete an, Russland wäre bereit, mögliche Verlängerung der Kürzungen im Januar zu besprechen. Darüber hinaus besprach der Ausschuss Produktionsobergrenzen für die OPEC-Mitglieder Libyen und Nigeria, deren ungezügelte Produktion zu Preisrückgängen geführt hatte. Zwar wurden keine Verpflichtungen eingegangen, dennoch deuten Anzeichen auf ein Entgegenkommen Libyens und Nigerias hin.
Als die OPEC im Mai zwar eine Verlängerung der Produktionskürzungen, aber keine tieferen Einschnitte verkündete, fielen die Preise. Die aktuelle Bekanntgabe über das um die Hälfte reduzierte Überangebot sowie die Möglichkeit weiterer Drosselungen werden dagegen als positive Signale gewertet und fördern die Ölpreise.
3) Inventurprognosen
Aktuelle Prognosen der Ölhandelsgesellschaft Trafigura und der IEA gehen bereits für 2019 oder 2020 von einer Ölknappheit aus. Citigroup (NYSE:C) ist der gleichen Ansicht. Die Bank geht davon aus, dass mehrere OPEC-Produzenten (Libyen, Nigeria, Venezuela, Irak und Iran) aktuell auf höchster Kapazitätsstufe fördern. Aus diesem Grund glaubt Citigroup, dass die Märkte keinen plötzlichen Produktionsanstieg eines dieser Produzenten befürchten müssen.
Diese Prognosen sind ein weiterer Grund für den aktuellen Anstieg. Das alles sind gute Neuigkeiten für alle, die sich höhere Ölpreise wünschen. Die Frage ist, ob die Prognosen in den kommenden Monaten mit diesen übereinstimmen. Daneben gibt es zahlreiche andere Produzenten, die ihre Fördermenge erhöhen könnten, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet (und höhere Preise stellen eine solche Gelegenheit dar).
4) Dynamik
Handelsdynamik ist ein wichtiger Aspekt des aktuellen Preisanstiegs. Aktuelle Schilderungen renommierten Nachrichtenquellen beschreiben eine vom Bären- zum Bullenmarkt hin. Dieser Verkündungen sind sich selbst erfüllende Prophezeiungen, da sie eine Erwartungshaltung kreieren, dass die Ölpreise weiter steigen werden. Sollten die Meldungen über Lieferunterbrechungen, OPEC-Kürzungen oder zukünftige Verknappungen weitergehen, so wird auch die Dynamik fortgesetzt. Bis zu einem gewissen Grad hängt die Aufrechterhaltung der Dynamik davon ab, was Händler und Spekulanten glauben. Der Preis könnte steigen, doch nur wenige glauben daran, dass er 70 US-Dollar erreichen wird.