Das englische Original des Artikels „The Surprising, Real Geopolitical Risk To Oil Markets“ erschien am Mittwoch, dem 15. November 2017 um 09:00 MEZ auf investing.com
Zahlreichen Analysten und Sachverständigen zufolge entwickelte sich der Nahe Osten in den vergangenen zwei Wochen plötzlich zu einem viel riskanteren Geschäftspartner. Zu den Gründen gehören die Festnahmen der saudischen Elite im Rahmen einer Anti-Korruptionsuntersuchung, eine in der Nähe von Riad abgefangene Rakete, die von den Rebellen im Jemen abgeschossen wurde, der Rücktritt des libanesischen Premierministers Saad Hariri während seines Aufenthalts in Saudi-Arabien, angeblich aufgrund der Gefahr für sein Leben in seinem Heimatland, und eine Pipeline-Explosion, die zu einem Brand in einem Dorf in Bahrain geführt hatte und Iran vorgeworfen wird.
Die Mehrzahl der Sachverständigen, einschließlich der Öl-Analysten konzentrieren sich auf diese Ereignisse.
Manche gehen sogar so weit, einen unmittelbar bevorstehenden Krieg zwischen Saudi-Arabien und Iran vorauszusagen. Daneben sehen wir auch eine wachsende Anzahl von Prognosen, die von einer Beeinträchtigung des Ölmarktes durch die wachsende Feindseligkeit zwischen den zwei Regionalmächten ausgehen. Wir glauben, dass diese Ereignisse und Analysen nichts weiter sind als ein Ablenkungsmanöver.
Das wahre geopolitische Risiko für die Ölmärkte stellt in Wirklichkeit Irak dar.
Saudi-Arabien und Iran werden keinen Krieg miteinander anfangen, da keines der Länder über die nötige militärische Stärke verfügt, einen Krieg über den Persischen Golf zu führen. Es ist darüber hinaus sehr unwahrscheinlich, dass beide Länder sich in einen kostspieligen Konflikt verwickeln lassen, der politisch riskant sein würde und ihre Wirtschaften beeinträchtigen würde.
Saudi-Arabien fehlt es an der nötigen Ausrüstung, geschweige denn an dem Willen, eine Luftattacke oder einen amphibischen Angriff auf Iran zu starten. Iran könnte Saudi-Arabien nicht angreifen, solange die Luftwaffe der Saudis überlegen ist. Die beiden Länder haben keine gemeinsame Grenze, daher würden alle Kampfhandlungen vorübergehender Natur und eher kleinmaßstäbig sein oder über Stellvertreter ausgeführt werden (wie etwa Saudi-Arabiens Einsatz in Jemen gegen die von Iran unterstützten Huthi-Rebellen).
Das wahre geopolitische Risiko, das sich auf die Ölmärkte auswirken könnte, ist im Irak zu finden. Nachdem die Regionalregierung Kurdistans (KRG) im Oktober die Kontrolle über die Stadt Kirkuk an die irakischen Streitkräfte abgegeben hatte, trat sie gleichzeitig wertvolle Ölförderungsanlagen ab. Solange die Kurden die Kontrolle über Kirkuk hatten, wurde das Öl aus der Region über die Pipeline an einen Hafen in der türkischen Stadt Ceyhan geleitet, wo es in Tanker gefüllt wurde. Seit der Übernahme der Stadt kam es beim Öltransport aus Kirkuk zu Unterbrechungen.
Die Ursache dafür wurde kürzlich aufgedeckt. Die irakische Regierung traf eine Vereinbarung mit Iran: Das Öl von Kirkuk wird über die Grenze nach Iran zur Verwendung in der lokalen Kermanshah-Raffinerie geleitet. Darüber hinaus planen die beiden Länder den Bau einer Pipeline zwischen Kirkuk und Zentraliran, die bis zu 650.000 bpd Öl aus Kirkuk in die Raffinerien Irans transportieren könnte. Iran ergreift die Kontrolle über die Ölpolitik Iraks.
Der Einfluss Irans auf die irakische Regierung ist bereits hinreichend bekannt, doch jetzt brachte Iran einen erheblichen Teil der irakischen Ölreserven unter seine Kontrolle. Der politische Einfluss Irans in Irak reicht bereits in die OPEC-Sitzungen hinein. Mit der Kontrolle über die physischen Reserven könnte Irak bald nur eine Verlängerung des iranischen Arms in der OPEC werden.
Diese Dynamik ist von ausschlaggebender Bedeutung bei dem OPEC-Treffen in Wien in zwei Wochen. Iran will entweder eine Lockerung seiner eigenen Produktionsobergrenzen oder strengere Obergrenzen für andere Mitglieder, wie etwa die afrikanischen Staaten, erreichen. Könnten Irak und Iran die Verhandlungen innerhalb des Kartells, das stets auf einstimmigen Entscheidungen besteht, zum Scheitern bringen?
Anmerkung des Autors: Ich werde bei dem OPEC-Treffen zwischen dem 29. und dem 30. November dabei sein. Folgen Sie mir auf Twitter unter @EnergzdEconomy für aktuelle Meldungen.