Über die vergangenen Monate hinweg werden wir seitens Medien und Politik mit einer Schreckensmeldung nach der anderen konfrontiert. Ein Beispiel unter vielen: Anfang Mai wurde medial prophezeit, dass die Auftragslage der hiesigen Industrie massiv einbrechen werde. Das Bundeswirtschaftsministerium führte damals aus, dass sich im Zuge des Ukraine-Konflikts „ein deutlicher Effekt der gestiegenen Unsicherheit auf die Nachfrage“ einstellen würde, der Ausblick für die folgenden Monate fiel deshalb sehr gedämpft aus. Ähnlich sah es damals auch der Chef-Ökonom der VP Bank Thomas Gitzel: „Die Sommermonate werden für die deutsche Volkswirtschaft vermutlich zu einer großen Durststrecke werden“. Jetzt befinden wir uns mittendrin in besagtem Sommer. Und die Auftragsbücher der deutschen Industrieunternehmen sind nicht leer. Vielmehr platzen diese derzeit aus allen Nähten, im Mai erreichte der Auftragsbestand landesweit sogar ein neues Allzeithoch. Eine gute Auftragslage ist aber bekanntermaßen nur die halbe Miete – man muss auch in der Lage dazu sein, diese abzuarbeiten…
0.5 % stieg der Auftragsbestand der deutschen Industrieunternehmen zwischen April und Mai und erreichte somit den höchsten Wert, der durch das Statistische Bundesamt seit Beginn dieser Erhebung im Jahr 2015 erfasst wurde. Verglichen mit dem Mai des Vorjahres, beläuft sich die Zuwachsrate sogar auf 16.9 %. Selbst für den – selbstverständlich rein hypothetischen – Fall, dass ab dem heutigen Tag keine Aufträge mehr eingehen würden, bräuchte die deutsche Industrie durchschnittlich ganze 8.1 Monate, um die bereits vorhandenen Aufträge abzuarbeiten. Nochmals knapp 4 Monate mehr, nämlich deren 11.9, würde diese Zeitspanne bei Produzenten von Investitionsgütern betragen.
Die Auftragsbücher der Unternehmen sind aber nicht nur deshalb so voll, weil stetig neue Aufträge eingehen. So kommt es branchenübergreifend auch in vielen Fällen zu deutlichen Verzögerungen beim Abarbeiten der bestehenden Aufträge. Wie in den Vormonaten lag der Gesamtwert der neuen Aufträge auch im Mai wieder über dem landesweit generierten Umsatz. Das Statistische Bundesamt führt diesen Nachfrageüberhang „vor allem auf die anhaltend hohe Knappheit an Vorprodukten“ zurück. So sorgen nach wie vor „gestörte Lieferketten infolge des Krieges in der Ukraine und anhaltender Verwerfungen durch die Corona-Krise, wie die Schließung von Häfen in China“ in den Unternehmen für Engpässe. Und die Aussichten für die nahe Zukunft sind nicht die besten, so sehen es zumindest die im Rahmen einer Erhebung des ifo-Instituts befragten Unternehmen. Ein Großteil derer befürchtet, dass sich Lieferengpässe und Materialmangel noch bis weit ins kommende Jahr hinein ziehen könnten. Durch einen drohenden Gasengpass im Herbst dürfte sich diese Situation wohl noch weiter verschärfen.
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