Für viele ist die Komplexität des Handels an den Finanzmärkten nahezu undurchdringlich. Es gibt hier verschiedenste Arten von Akteuren, die sich auf unterschiedliche Segmente spezialisieren und hier bestimmte Lücken füllen. Manchmal kommt es sogar vor, dass einige Lücken bewusst kreiert werden, um diese mit lukrativen Geschäftsmodellen zu füllen. Dabei gibt es eine Reihe an Vermittlern im Prozess des Handels: Banken, Clearing-Services, Broker, Market Maker, Asset Manager und so weiter. Gestern verriet der Vorsitzende der nordamerikanischen Finanzaufsicht (im Englischen „Securities and Exchange Commission“ genannt oder kurz SEC), dass man den Wettbewerb unter Brokern strenger regulieren möchte, um Privatanleger zu schützen.
(SEC Vorsitzender Gary Gensler)
Dabei steht der Vorschlag im Raum, dass Tradingplattformen möglicherweise in Auktionsverfahren die Rechte für das Anbieten von Handelsdienstleistungen für Privatanleger erwerben müssten. Das bedeutet, dass nicht jeder Broker Privatkunden bedienen kann. Grund dafür ist, dass die meisten Broker in den Vereinigten Staaten von Amerika die Handelsorders an eine kleine Gruppe von sogenannten Market Maker weiterleiten. Market Maker sind Individuen oder institutionelle Akteure am Finanzmarkt, die große Positionen von allen möglichen Anlagewerten besitzen – praktisch wie Lager für Anlagen. Broker-Firmen können also an diese Akteure herantreten und die gewünschten Werte erwerben.
Market Maker verdienen dabei an der Marge zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis. Da diese im hochfrequentierten Handel aber gering oder zum Teil negativ ausfallen kann, verkaufen diese Akteure die Produkte für einen erhöhten Preis. Wenn also der reelle Wert einer Aktie eigentlich 10€ pro Stück ist, würde der Market Maker diese beispielsweise für 10,01€ weiterverkaufen. Bei Privatanlegern ist diese Differenz stärker als bei großen Finanzinstituten, die deutlich größere Mengen abnehmen.
Besonders „0€-Broker“ greifen auf diese Market Maker zurück und werden zusätzlich von diesen pro Transaktion bezahlt, die an die Market Maker herangetragen wird. Dieses Verfahren, das kein geringerer als Finanzbetrüger Bernard Madoff erfunden hat, nennt man payment for order flow (PFOF). Privatanleger haben dadurch den Nachteil, dass sie durch diese zweischichtige Gebührenstruktur zu schlechteren Preisen handeln als größere Investoren, die den Handel direkter abwickeln können. Zudem sind auch Broker im Nachteil, die den Handel nicht über Market Maker abwickeln. Zwar sind die Handelspreise attraktiver und müssten eigentlich mehr Kunden anziehen, aber durch die fehlenden Einnahmequellen von den Market Makern, sind sie im Wettbewerbsnachteil. Oftmals müssen diese Broker dann Transaktionsgebühren erheben, die schlechter zu vermarkten sind, obwohl die Kunden im Schnitt trotzdem besser wegkommen.
Diese Probleme möchte die SEC scheinbar adressieren. Hierzu gibt es keine genauen Entwürfe oder weiterentwickelten Ideen, aber die Debatte wurde gestern angestoßen. Bei den großen Finanzakteuren stieß dies bitter auf. Vielleicht auch weil man ein generelles Verbot von PFOF-Praktiken nicht ausschloss, was in Großbritannien, Kanada und Australien schon lange existiert. Im Dezember 2020 musste auch schon Broker-Plattform Robin Hood eine Strafe von $70 Millionen wegen ähnlicher Praktiken zahlen. Man kann also handfestere Entwicklungen in diese Richtung erwarten.
Prinzipiell ist das Aufbrechen von Strukturen, die im elitären Kreis aufgebaut wurden und mit übermäßiger Komplexität einen Schein der Professionalität erwecken, eine gute Sache. Auch der Wettbewerbsgedanke ist durchaus begrüßenswert – gerade aus Sicht des Privatanlegers. Wie sich dieses Thema weiterentwickelt, behalten wir selbstverständlich im Auge.