ROUNDUP/Aktien New York Schluss: Deutliche Verluste - Iran-Unsicherheit hält an
In langen Aufwärtsphasen an den Märkten, in denen Risikobereitschaft belohnt und Vorsicht bestraft wird, wird jeder zum vermeintlichen „Bullenmarkt-Genie“. Diese Dynamik verzerrt mit der Zeit die Anlegerpsychologie und erzeugt ein trügerisches Gefühl von Kontrolle. Steigen die Kurse weiter, scheint Risiko plötzlich keine Rolle mehr zu spielen. Anleger gewinnen den Eindruck, dass nichts schiefgehen kann, und erhöhen konsequent ihr Risiko sowie den Einsatz von Fremdkapital. Schließlich stellt sich die Frage: Warum Zurückhaltung üben, wenn Investieren angeblich „kein Risiko“ birgt?
„In den vergangenen 15 Jahren wurden die Märkte immer wieder durch fiskal- oder geldpolitische Maßnahmen vor stärkeren Korrekturen bewahrt. Dieser neutrale Stimulus - die Interventionen - war regelmäßig mit einem Belohnungseffekt verbunden, nämlich weiter steigenden Kursen. Anleger wurden dadurch geradezu ‚konditioniert‘, in Stressphasen stets mit Rettungsmaßnahmen zu rechnen, jeden Rücksetzer zu kaufen und davon auszugehen, dass dieser Zyklus unbegrenzt fortgesetzt wird. Genau darauf haben wir kürzlich im Zusammenhang mit dem ‚moralischen Risiko‘ hingewiesen.“
„Die gut gemeinten Eingriffe der US-Notenbank haben eine der ausgeprägtesten Verhaltensverzerrungen der modernen Finanzwelt hervorgebracht: den Glauben an ein dauerhaftes Sicherheitsnetz. Nach der globalen Finanzkrise haben Nullzinsen und wiederholte Programme zur quantitativen Lockerung Anleger daran gewöhnt, dass politische Unterstützung in Phasen erhöhter Volatilität stets zurückkehrt. Über die Zeit entwickelte sich daraus ein Reflex: Jeden Rückgang kaufen, weil die Fed ein Scheitern der Märkte nicht zulassen wird. Doch was genau bedeutet eigentlich ‚moralisches Risiko‘?
Substantiv . WIRTSCHAFT: Fehlender Anreiz, sich gegen Risiken abzusichern, wenn man vor deren Folgen geschützt ist, etwa durch eine Versicherung.“
Anders ausgedrückt: So wie Pawlows Hunde beim „Klingen der Glocke“ zu sabbern begannen, jagen Anleger spekulativen Anlagen hinterher . in der Erwartung, dass das „Futter“ schon folgen wird. Wie beschrieben hat die US-Notenbank Investoren in den vergangenen 15 Jahren zwar darauf trainiert, Rücksetzer konsequent zu kaufen, zugleich haben sich die Märkte jedoch zunehmend von ihren fundamentalen Rahmenbedingungen entfernt.

Was zunächst als diszipliniertes Investieren beginnt, geht mit der Zeit unmerklich in Spekulation über.
Kürzlich habe ich zwei besonders lesenswerte Artikel gelesen, die sich mit dem Verhalten von Anlegern in lang anhaltenden Haussephasen befassen. Auf die daraus abzuleitenden Lehren sowie darauf, wie sich Investoren künftig positionieren können, werden wir noch eingehen.
Das Bullenmarkt-Genie und das Problem des Vergessens
Lange Haussephasen stärken das Selbstvertrauen, allerdings selten in gesunder Form. Stattdessen entsteht eine innere Stimme, die leise zuflüstert: „Du bist brillant.“ Dieses Phänomen hat einen Namen: das Bullenmarkt-Genie.
Dabei geht es weniger um bloße Überheblichkeit als um eine besondere Form der Selbsttäuschung. Steigende Märkte werden mit eigener Kompetenz gleichgesetzt. Man kauft eine Technologieaktie, sie verdoppelt sich - das fühlt sich klug an. Man kauft fünf weitere, sie verdreifachen sich. Plötzlich ist man überzeugt, ein Genie zu sein, und beginnt, Fremdkapital einzusetzen, um die Rendite weiter zu hebeln. Warum auch nicht? Der Markt funktioniert nicht nur - er scheint die eigene Fähigkeit fortlaufend zu bestätigen.

Doch genau an diesem Punkt beginnt die eigentliche Gefahr.
Wie Ben Carlson in seinem Artikel beschreibt, fiel selbst Benjamin Graham - einer der einflussreichsten Investoren der Geschichte - Ende der 1920er-Jahre diesem Muster zum Opfer. Mithilfe von Fremdfinanzierung und aggressiver Positionierung steigerte er ein Vermögen von 400.000 Dollar auf rund 2,5 Millionen Dollar. Der Erfolg überzeugte ihn davon, das Spiel verstanden zu haben. Er begann von Yachten und Immobilien zu träumen. Dann kam das Jahr 1929. Die Märkte brachen ein, und sein Vermögen schrumpfte auf 375.000 Dollar - ein Verlust von 85 Prozent.
Später räumte Graham ein, Risiken ausgeblendet zu haben, weil sich die Gewinne wie ein Beweis seiner eigenen Brillanz anfühlten. Genau das ist das Bullenmarkt-Genie: Es verzerrt das Urteilsvermögen und suggeriert Richtigkeit selbst dann, wenn die eingegangenen Wetten hochriskant sind.
Auch heutige Anleger sind diesem Risiko ausgesetzt. Nach mehr als einem Jahrzehnt steigender Märkte, unterstützt durch Zentralbanken, niedrige Zinsen und großzügige Kreditbedingungen, haben viele Marktteilnehmer nie einen nachhaltigen Abschwung erlebt. Aktien erscheinen wie Sparkonten, Volatilität wie eine Gelegenheit, Risiko wie ein Relikt vergangener Zeiten.
In einem Artikel von William Bernstein wird das von Peter Bernstein (nicht verwandt) beschriebene Phänomen der „leeren Erinnerungsspeicher“ aufgegriffen. Anleger, die keinen echten Bärenmarkt erlebt haben, unterschätzen, wie sich Verluste tatsächlich anfühlen. Sie kennen Crashs aus Büchern oder Charts, nicht jedoch die psychische und finanzielle Zerstörung, die damit einhergeht. Diese Abwesenheit von Schmerz erzeugt eine trügerische Sicherheit - und nährt das Denken des Bullenmarkt-Genies.
Vor diesem Hintergrund ist Vorsicht geboten, wessen Ratschläge man befolgt. Viele Finanzkommentatoren und Berater haben nie einen ausgeprägten Bärenmarkt durchlebt. Diese fehlende Erfahrung prägt häufig die „Buy-and-Hold“-These, wonach Kursverluste schlicht auszusitzen seien.
Ich warne Sie daher aus eigener Erfahrung - als jemand, der sowohl die Dotcom-Blase als auch die Finanzkrise aktiv erlebt und gehandelt hat: Wenn der nächste größere Bärenmarkt kommt, wird die Illusion der Sicherheit zerbrechen.
Worauf es ankommt, wenn sich der Zyklus dreht
Wenn Euphorie die Oberhand gewinnt, verlagert sich der Fokus von Fundamentaldaten hin zu Wunschvorstellungen. In dieser Phase sollte der Blick konsequent auf Risiken gerichtet sein, nicht auf Renditen - auch wenn das angesichts stetiger Kursgewinne schwerfällt. Für das langfristige Überleben am Markt ist genau das jedoch entscheidend.
Bewertungen mögen kurzfristig an Bedeutung verlieren, langfristig sind sie jedoch ausschlaggebend. Wie in „Valuations Don’t Matter Until They Do“ treffend formuliert wird:
„Marktbewertungen sind genau das: ein Maß für die aktuelle Bewertung. Darüber hinaus sind sie ein sehr guter Indikator für die ‚Anlegerpsychologie‘ und Ausdruck der ‚Theorie des größeren Narren‘. Deshalb besteht eine hohe Korrelation zwischen den Bewertungen der vergangenen zwölf Monate und dem Verbrauchervertrauen in weiter steigende Aktienkurse.“

Was Marktbewertungen ausdrücken, ist im Kern einfach: Wer heute zu teuer kauft, erzielt künftig eine geringere Nettorendite, als wenn er mit einem Abschlag investiert hätte. Anleger kaufen letztlich keine Unternehmen, sondern Zahlungsströme. Entsprechend ist die Mathematik hinter Bewertungen leicht nachvollziehbar. Märkte belohnen Optimismus jedoch nicht unbegrenzt.

Deshalb ist Risikomanagement keine Option, sondern eine zwingende Notwendigkeit. Wie in „Portfolio Risk Management“ treffend beschrieben wird:
„Die meisten Anleger konzentrieren sich darauf, recht zu haben - sie fixieren sich auf Aktienauswahl, Timing und makroökonomische Prognosen. Doch hier liegt die unbequeme Wahrheit: Treffgenauigkeit wird überschätzt. Überleben wird unterschätzt.
Der eigentliche Vorteil liegt darin, Verluste zu begrenzen, wenn man falschliegt, und Gewinne zu maximieren, wenn man richtigliegt. Darauf basiert jedes funktionierende Risikokonzept. Verluste sind unvermeidlich. Das System muss darauf ausgelegt sein und drei zentrale Elemente enthalten:
Positionsgröße,
Stop-Loss-Regeln und
eine strikte, leicht wiederholbare Disziplin.Letztlich entscheidet dieser Bauplan über langfristigen Erfolg oder Misserfolg. Risikomanagement bedeutet nicht, Verluste vollständig zu vermeiden, sondern sicherzustellen, dass sie einen nicht ruinieren.“
Risikomanagement ist nicht optional.
Der einzige Weg, sich auf Schmerz vorzubereiten, besteht darin, ihn gedanklich vorwegzunehmen. Wer wartet, bis das Depot 30 Prozent im Minus steht, handelt zu spät. Emotionen übernehmen die Kontrolle, Disziplin bricht zusammen, Erinnerungen versagen. Dann schlägt das Bullenmarkt-Genie in Panik um.
Die nächste Phase dieses Zyklus wird der vergangenen vermutlich nicht exakt gleichen. Märkte wiederholen sich selten eins zu eins. Das Verhalten der Anleger hingegen folgt einem vertrauten Muster: Überheblichkeit, Herdentrieb und Verdrängung prägen jede Hausse - und münden am Ende fast immer in Panik, Verzweiflung und massiver Kapitalvernichtung.
Diese typischen Fallen lassen sich mit einfachen, klaren Regeln umgehen.
- Regelmäßig das eigene Depot überprüfen: Wächst ein Teil des Portfolios deutlich stärker als der Rest, sollte er zurückgeführt werden. Das ist kein Market Timing, sondern Disziplin.
- Stresstests durchführen: Einen Kursrückgang von 40 Prozent durchspielen. Löst das Unbehagen aus, ist jetzt Handlungsbedarf gegeben.
- Hebel begrenzen: Fremdkapital funktioniert - bis es das nicht mehr tut. Und dann meist sehr schnell.
- Fünf bis zehn Prozent Liquidität halten: Dieser Puffer schafft Handlungsspielraum in fallenden Märkten.
- Fundamentaldaten höher gewichten als Hype: Bewertung, Profitabilität und freier Cashflow. Wenn die Musik stoppt, zählen die Basics.
- Den eigenen Plan schriftlich festhalten: In turbulenten Phasen hilft er, sich an die Zeit vor der Gier zu erinnern.
- Frühere Bärenmärkte studieren: Nicht Schlagzeilen konsumieren, sondern mit Menschen sprechen, die sie erlebt haben. Ihre Erfahrung ist unbezahlbar.
Man muss nicht den Höchststand treffen, aber man muss den Zyklus überleben. Das beginnt mit dem Schutz nach unten.
Disziplin wirkt in einer Manie oft töricht, erweist sich im unvermeidlichen Abschwung jedoch als lebensrettend. Ziel ist nicht, heute klug zu erscheinen, sondern morgen noch dabei zu sein.
Wer sich derzeit wie ein Bullenmarkt-Genie fühlt, sollte besonders vorsichtig sein - möglicherweise führt der Markt gerade in die Irre.
Oft ist der klügste Schritt der unspektakulärste. Denn Bullenmarkt-Genies werden regelmäßig überrollt, sobald die Realität zurückkehrt.


