Claude Crash: KI löst historischen Ausverkauf bei Software-Aktien aus

Veröffentlicht am 05.02.2026, 07:44

Tritt zur Seite, Marc Andreessen: Künstliche Intelligenz frisst Software. Der iShares Expanded (Excoriated?) Tech-Software ETF (NYSE:IGV) ist seit seinem Hoch im September 2025 bei rund 118 US-Dollar zeitweise um 28 % auf unter 85 US-Dollar zurückgefallen. Allein am vergangenen Dienstag kam es zu einem spürbaren Kursrutsch.

Besonders stark unter Verkaufsdruck standen zuletzt Titel wie Salesforce, Intuit und Adobe Systems. Die Schwäche beschränkt sich jedoch nicht auf klassische Softwarewerte, sondern erfasst auch Mega-Caps und frühere Börsenlieblinge: Microsoft notiert rund 26 % unter seinem Hoch, Palantir hat etwa ein Viertel seines Spitzenwerts eingebüßt, während Oracle mit einem Rückgang von 56 % seit dem September-Hoch besonders deutlich verloren hat.

Berichtssaison im vierten Quartal: meist verhaltene Reaktionen

Mit etwas Abstand betrachtet verlief die Berichtssaison zum vierten Quartal bislang vergleichsweise unspektakulär. Positive Überraschungen werden vom Markt weniger stark honoriert als in früheren Quartalen, während Enttäuschungen nicht mehr die gleiche harte Reaktion auslösen.

Stattdessen ist eine branchenübergreifende Anpassung an unternehmensspezifische Entwicklungen zu beobachten. Die Kursbewegungen liefern dabei Hinweise darauf, wie mächtig neue KI-Werkzeuge vom Markt eingeschätzt werden - so einflussreich, dass einst allgegenwärtige Markennamen, die im Büroalltag als Verben dienten, zunehmend den Charakter moderner Gelber Seiten annehmen könnten.

Das ist die Geschichte, die sich aus den Kursverläufen ablesen lässt. Die entscheidende Frage lautet jedoch, ob der Markt bereits beginnt, große Softwarewerte strukturell abzuschreiben. Ein nüchterner Blick auf die technische Verfassung von IGV soll hier Orientierung liefern.

IGV technisch unter Druck

Ein Blick auf den Chart zeigt, dass die Anteile von IGV weniger als zehn Prozent über einer wichtigen langfristigen Unterstützungszone im Bereich der mittleren 70 US-Dollar notieren. Noch bevor einzelne Unterstützungs- und Widerstandsniveaus im Detail betrachtet werden, sticht vor allem der stark überverkaufte RSI-Indikator hervor.

Mit einem Wert von 19 nach einem Kursrückgang von 4,6 % im Anschluss an den „Groundhog Day“ markiert der RSI den niedrigsten Stand seit August 2011. Damals belasteten Sorgen um eine Herabstufung der US-Kreditwürdigkeit sowie die europäische Schuldenkrise die Märkte - globale makroökonomische Schocks, nicht software- oder sektorspezifische Verwerfungen.

IGV Tageskurse
IGV: Unterstützung bei 75 Dollar im Fokus, stark überverkaufter RSI, Verkaufsvolumen auf Kapitulationsniveau. Chartquelle: StockCharts.com.

IGV im Bärenmarkt

Hinzu kommt: Nach sechs Verlusttagen in Folge, in denen zuletzt mehr als 250 Mrd. US-Dollar an Marktkapitalisierung in der Branche vernichtet wurden, erreichte das Handelsvolumen am Dienstag den höchsten Stand in der 25-jährigen Geschichte des ETFs. Auch auf Wochensicht deutet sich ein Rekordvolumen an.

Mit einem Kursniveau rund 20 % unter dem weiterhin steigenden langfristigen 200-Tage-Durchschnitt mehren sich die Anzeichen einer Kapitulation. Statt zu versuchen, den exakten Tiefpunkt zu antizipieren, erscheint es daher sinnvoller, realistische Kurszonen in den Blick zu nehmen.

In den Fokus rückt dabei der Bereich zwischen 74 und 77 US-Dollar. Dort hatte IGV bereits Mitte 2023 gehandelt, bevor im darauffolgenden November ein Ausbruch mit einer kleinen Kurslücke erfolgte. Rücksetzer aus dem oberen 80-Dollar-Bereich zurück an frühere Widerstände bestätigten diese Zone im Jahr 2024 als zentrale Drehmarke. Nach der Wahl 2024 stieg der Kurs bis auf 111 US-Dollar, fiel im Zuge des „Liberation Day“ jedoch erneut auf 77 US-Dollar zurück und testete die Unterstützung abermals.

Die naheliegende Schlussfolgerung ist daher, dass es auch diesmal zu einer erneuten Annäherung an diesen Bereich kommen könnte.

Noch kein systemisches Risiko – zumindest nicht für alle

Für den Gesamtmarkt wecken die Kursbewegungen zu Jahresbeginn und die Stimmung im Technologiesektor Erinnerungen an den „China-DeepSeek-AI“-Moment im Januar 2025. Damals gerieten insbesondere Anbieter von KI-Infrastruktur und Ausbaukapazitäten ins Visier der Bären. Chipwerte brachen ein, und erstmals kamen Zweifel an der nachhaltigen Profitabilität der damaligen Börsengewinner auf.

Diese Phase ausgeprägter Nervosität erwies sich jedoch als kurzlebig und wurde im darauffolgenden März und April von zunehmend dominierenden makroökonomischen Sorgen überlagert. Die Frage ist nun, ob der aktuelle „Claude Crash“ - die inoffizielle Bezeichnung für die Belastung von IGV durch das neue Add-in von Anthropic - einen vergleichbaren Verlauf nehmen könnte. Und ob daraus womöglich ein systemisches Problem entsteht.

S&P 500 nahe Rekord, globale Märkte robust

Der Abverkauf bei IGV bleibt bislang vergleichsweise fokussiert und in seiner Wirkung begrenzt. Der S&P 500 notiert nur wenige Prozentpunkte unter seinem Allzeithoch und näherte sich erst am Dienstagmorgen erneut der Marke von 7.000 Punkten. Auch die globalen Aktienmärkte bewegen sich trotz einzelner Schwächezonen weiterhin in einem ausgeprägten Bullenmarkt.

Gleichzeitig geraten jedoch auch große Titel außerhalb der USA unter Druck. Aktien wie SAP, Accenture, Spotify und Shopify verzeichnen Kursverluste von teils mehr als 35 %.

Stimmungsumschwünge können dabei rasch erfolgen. Noch vor kurzer Zeit gingen viele Anleger bei Alphabet und Apple vom Schlimmsten aus.

Die Quintessenz lautet daher: Kommentare leiser drehen - und den Fokus konsequent auf die Charts richten.

Rohstoffnahe Sektoren stemmen sich dagegen

Entsprechend ist eine sektorale Rotation zu beobachten, die den Ausverkauf im Softwaresegment bislang begrenzt hält, auch wenn Private-Equity-nahe Titel unter dem Druck der Softwarewerte leiden. Zwar stellt der Informationstechnologiesektor seit Jahresbeginn bislang den schwächsten der elf Sektoren im S&P 500 dar, doch Teile der Realwirtschaft wirken stabilisierend.

Insbesondere Energie, Rohstoffe und Basiskonsumgüter gleichen die Schwäche aus. Obwohl diese drei Sektoren zusammen lediglich 10,1 % des Indexgewichts ausmachen, verzeichnen sie im bisherigen Jahresverlauf 2026 jeweils Kursgewinne von mehr als 11 %.

S&P 500 Sectors Performance
S&P-500-Sektoren seit Jahresbeginn: Energie und Rohstoffe vorne, Technologie Schlusslicht. Bildquelle: StockCharts.com.

Damit lässt sich der sogenannte „Broadening-out“-Trade derzeit in Echtzeit beobachten. Ein reibungsloser Übergang war dabei nie zu erwarten – weder von Wachstumstiteln hin zu Substanzwerten noch von Large Caps zu kleineren Unternehmen oder von den USA zu internationalen Märkten.

Damit neue Gewinner entstehen können, müssen frühere Favoriten zwangsläufig unter Druck geraten.

Software-Zahlen könnten neue Ausschläge bringen

Für Anleger im Softwaresektor - unabhängig davon, ob sie auf eine Gegenbewegung oder weiter fallende Kurse setzen - stehen in den kommenden Wochen mehrere potenzielle Volatilitätstreiber an.

Applovin legt seine Zahlen zum vierten Quartal am Mittwochabend, dem 11. Februar, vor, gefolgt von Palo Alto Networks am 13. Februar. Das zentrale Ereignis dürfte jedoch der 24. Februar sein: Dann öffnet CRM seine Bücher - vielfach als Paradebeispiel für Unternehmenssoftware gesehen, die durch die KI-Erzählung unter Druck geraten ist. Intuit folgt am Nachmittag desselben Tages mit seinen Ergebnissen. Die genannten Termine können sich noch ändern.

Zur Vorbereitung bietet die Symbol-Übersichtsseite von StockCharts einen umfassenden Überblick über Berichtstermine, Bewertungskennzahlen, technische Indikatoren sowie SCTR-Werte.

Fazit

Die Kursentwicklung deutet darauf hin, dass Künstliche Intelligenz tief in den Markt für Unternehmenssoftware eingreift und zunehmend bestehende Geschäftsmodelle unter Druck setzt. Davon betroffen sind auch Titel aus dem Bereich der privaten Vermögensverwaltung. Gleichzeitig federn substanz- und rohstoffnahe Sektoren einen Teil des Abgabedrucks ab. Insgesamt bleibt das Marktsignal bislang vergleichsweise gelassen.

Für Anleger mit einem Top-down-Ansatz ist es daher entscheidend, die laufenden sektoralen Verschiebungen genau zu beobachten, um Risiken frühzeitig zu erkennen und entsprechend zu steuern.

Hinweis: Dieser Blog dient ausschließlich Bildungszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Strategien und Ideen sollten nur unter Berücksichtigung der eigenen finanziellen Situation oder nach Rücksprache mit einem Finanzexperten umgesetzt werden.

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