Kommt der große Börsencrash? Darum braucht der Markt den Schmerz

Veröffentlicht am 03.12.2025, 08:04

Einer meiner Lieblingsautoren im WSJ ist Spencer Jakab, der kürzlich in einem Artikel darlegte, warum ein Bärenmarkt nicht zwangsläufig etwas Negatives sein muss. Er eröffnet seinen Beitrag mit einem Zitat aus „Der Pate“:

„So etwas muss alle fünf oder zehn Jahre passieren. Das hilft, das böse Blut loszuwerden... das letzte Mal ist zehn Jahre her.“

An den heutigen Märkten wird man jedoch sofort ins „Permabär“-Lager eingeordnet, sobald man das „B-Wort“ auch nur erwähnt - und viele setzen automatisch voraus, dass man damit den Zusammenbruch der Weltwirtschaft meint: Tod, Katastrophe, Zerstörung. Leider betrachten auch die Fed und die Regierung Bärenmärkte als grundsätzlich „schlecht“. Entsprechend haben sie in den vergangenen Jahren alles darangesetzt, durch massive Interventionen und eine Nullzinspolitik rückläufige Märkte oder Rezessionen zu verhindern.

Es stimmt: Bärenmärkte sind destruktiv. Sie kehren den sogenannten „Vermögenseffekt“ um, sie führen zu Arbeitsplatzverlusten, weil die wirtschaftliche Nachfrage sinkt, schwache Unternehmen verschwinden vom Markt und die Verbraucherstimmung verschlechtert sich. Doch manchmal ist Zerstörung eine notwendige, sogar „gesunde“ Phase - es gibt zahlreiche Beispiele dafür, etwa Waldbrände. Ähnlich wie ein Bärenmarkt gehören auch Waldbrände zum natürlichen Erneuerungszyklus: Die Natur beseitigt dadurch abgestorbene Biomasse, reichert den Boden mit Nährstoffen an und schafft die Grundlage für neues Wachstum. Einige Pflanzen sind sogar auf diese Brände angewiesen, um sich fortzupflanzen.

Wie die Fed versuchte, eine Baisse um jeden Preis zu verhindern, hat auch Kalifornien über Jahrzehnte versucht, Waldbrände zu unterbinden - mit ähnlich ungünstigen Nebenwirkungen. Das MIT Technology Review schreibt dazu:

„Die jahrzehntelange überstürzte Bekämpfung von Flammen, die auf natürliche Weise kleine Bäume und Gestrüpp vernichten, hatte katastrophale unbeabsichtigte Folgen. Wenn es zu Bränden kommt, gibt es oft viel mehr Brennmaterial, das wie eine Leiter wirkt und es den Flammen ermöglicht, in die Kronen zu klettern und ansonsten widerstandsfähige alte Bäume zu vernichten.“

Bärenmärkte haben kurzfristig also zweifellos schmerzhafte Folgen - gleichzeitig ermöglichen sie es dem System, sich auf ein robusteres, nachhaltigeres Wachstum vorzubereiten.

Wie wir in unserem Artikel „Vollständige Marktzyklen“ gezeigt haben, bewegen sich Märkte im Rhythmus von Expansion und Kontraktion:

„In der Geschichte sind Bullenmarktzyklen immer nur die eine Hälfte des gesamten Marktzyklus. Der Grund dafür: die Märkte und die Wirtschaft bauen in jedem Bullenmarkt-Zyklus Übertreibungen auf, die dann im folgenden Bärenmarkt wieder rückgängig gemacht werden.“

Realer S&P 500

Mit anderen Worten: So wie Waldbrände das natürliche Gleichgewicht eines Ökosystems wiederherstellen, sorgt ein Bärenmarkt dafür, dass die in der vorangegangenen Bullenphase entstandenen Exzesse abgebaut werden. Beschleunigen sich die Bewertungen zu stark und zu schnell, breiten sich spekulative Übertreibungen unweigerlich aus. Wie das nachstehende Diagramm zeigt, entfernt sich der Markt bei einer solchen ungebremsten Aufwärtsbewegung deutlich von seinem langfristigen, exponentiellen Wachstumspfad - was früher oder später eine Gegenbewegung nach sich zieht.

Bewertungen

In den späten 1990er Jahren standen die Bewertungen vieler Tech-Unternehmen beispielsweise in keinerlei Verhältnis zu ihren tatsächlichen Gewinnen, während sich in mehreren Finanzbereichen außerhalb des klassischen Bankensektors eine immer höhere Verschuldung aufbaute. Ohne eine echte Phase der Bereinigung konnten sich diese Exzesse ungehindert anhäufen und gegenseitig verstärken. Ein ausgeprägter Bärenmarkt zwingt Marktteilnehmer hingegen dazu, ihre Annahmen zu hinterfragen, Verschuldungspositionen zu reduzieren und letztlich die Verbindung zwischen Preisen und Fundamentaldaten wiederherzustellen.

Es ist kein Zufall, dass die größten Finanzkrisen auf Perioden folgten, in denen es kaum nennenswerte Korrekturen gab. Sowohl der Dotcom-Crash (2000 bis 2002) als auch die globale Finanzkrise (2007 bis 2009) traten nach langen Expansionsphasen auf, die von nur geringen Rücksetzern geprägt waren. Die nachfolgenden Einbrüche waren deutlich gravierender als die Korrekturen selbst gewesen wären.

Gerade aus diesem Grund kann ein rückläufiger Markt auch Vorteile haben.

Verringerung des Risikos größerer Krisen

Als Anleger sollten wir normale Bärenmarktkorrekturen (von 20 % oder mehr) durchaus begrüßen, da sie zur Stabilität und Gesundheit des Marktsystems beitragen. Das Research von Goldman Sachs unterscheidet dabei drei Arten von Bärenmärkten: ereignisgesteuert, zyklisch und strukturell. Alle drei erfüllen letztlich denselben Zweck - sie befreien die Märkte auf unterschiedliche Weise von angesammelten Exzessen. Mit anderen Worten: Bärenmärkte sind keine „Unfälle“, vor denen man sich grundsätzlich fürchten muss, sondern notwendige Selbstkorrekturen des Marktes.

Noch entscheidender ist, dass Fed und Regierung in diesen Phasen nicht eingreifen sollten. Bärenmärkte wirken als Klärungsmechanismus für schwache Fundamentaldaten: Sie bringen unprofitable Unternehmen, Fehlallokationen von Kapital und nicht tragfähige Geschäftsmodelle ans Licht. Werden solche Prozesse jedoch durch staatliche oder geldpolitische Interventionen abgefedert, entsteht ein Umfeld, das zukünftige und oft größere Krisen begünstigt. Oder wie es der legendäre Investor Warren Buffett formulierte: „Der Aktienmarkt ist dazu da, Geld von den Aktiven zu den Geduldigen zu transferieren.“ Dieses geduldige Kapital kann jedoch nur dann effizient wirken, wenn der spekulative Schaum zuvor abgebaut wurde.

Kurz gesagt: Bärenmärkte erfüllen eine wichtige Funktion für die Markthygiene. Sie räumen aufgestaute Risiken ab, korrigieren strukturelle Fehlentwicklungen und schaffen die Voraussetzung für nachhaltigere Erholungsphasen. Auf diese Weise mindern sie das Risiko eines unkontrollierten Booms und eines anschließenden, schwerwiegenden Zusammenbruchs. Wie bereits angedeutet, besteht das zentrale Problem einer ungebremsten Expansion darin, dass sich Risiken anhäufen, die Verschuldung übermäßig steigt, die Bewertungen sich von den Erträgen lösen und die Anlegerpsyche zunehmend in Euphorie umschlägt. Genau diese Muster lassen sich bereits heute erkennen, wenn man das Ausmaß der Hebelung und Spekulation betrachtet, das derzeit am Markt vorherrscht.

Margin Debt

Euphorie ist gefährlich. US-Finanzminister Scott Bessent brachte es treffend auf den Punkt:

„Korrekturen sind gesund. Sie sind normal. Was nicht gesund ist, ist, dass man gerade diese euphorischen Märkte bekommt.“

Ohne sinnvolle Korrekturen wird das System fragil. Studien zeigen, dass strukturelle Bärenmärkte - die problematischste Form - typischerweise auf Haussephasen folgen, die von breitflächigen Exzessen, Spekulationsblasen und einem hohen Verschuldungsgrad im Privatsektor geprägt sind.

Ein Beispiel dafür ist die globale Finanzkrise 2008. Die Immobilienpreise stiegen rasant, komplexe Derivate breiteten sich aus, und viele Marktteilnehmer glaubten, „dieses Mal sei alles anders“. Hätte die Fed damals früher eingegriffen - etwa durch höhere Mindestreserveanforderungen oder eine restriktivere Zinspolitik, um die spekulative Kreditvergabe einzudämmen -, wäre es vermutlich zu einer moderateren Baisse gekommen, die die Exzesse abgeschwächt und einen systemischen Kollaps zumindest gemildert hätte.

Wer Bärenmärkte akzeptiert - oder sogar begrüßt -, ermöglicht dem Markt, schwächere Teilnehmer auszusortieren, Kapital umzuschichten und Bewertungen vor dem nächsten Aufwärtszyklus zu bereinigen. Tatsächlich senkt ein Bärenmarkt das Risiko eines großen, katastrophalen Ereignisses, indem er mehrere kleinere Korrekturen erzwingt. Forscher haben sogar Hinweise auf eine asymmetrische Kausalität gefunden: Bärenmärkte können Rezessionen auslösen, Rezessionen führen jedoch nicht zwangsläufig zu Bärenmärkten.

Für Anleger bedeutet das: Eine Baisse ist nicht nur ein Risiko, sondern auch ein Schutzmechanismus für das langfristige Funktionieren des Systems. Sie verhindert die Anhäufung von Instabilität, lässt Blasen kontrollierter platzen und reduziert das Risiko eines umfassenden Zusammenbruchs. Auch wenn der Prozess kurzfristig schmerzhaft ist und die Renditen vorübergehend belasten kann, führt er doch zu weniger tiefgreifenden wirtschaftlichen Verwerfungen.

Warum Anleger Bärenmärkte als Chance begreifen sollten

Bärenmärkte sind stets eine unangenehme Erfahrung, bieten aber zugleich den Boden für langfristig attraktive Renditen - vorausgesetzt, man ist darauf vorbereitet. Die Daten sprechen eine eindeutige Sprache: Rückläufige Märkte sind ein normaler Bestandteil des Zyklus, und Anleger, die investiert bleiben und Qualitätswerte zu gedrückten Preisen aufsammeln, haben historisch betrachtet überdurchschnittliche langfristige Ergebnisse erzielt.

Warren Buffett formulierte es treffend:

„Die weit verbreitete Angst ist Ihr Freund als Anleger, weil sie Ihnen Schnäppcheneinkäufe ermöglicht.“

Besser lässt es sich kaum ausdrücken. In ausgeprägten Korrekturphasen werden solide Unternehmen häufig mit irrationalen Abschlägen gehandelt. Unerfahrene oder unvorbereitete Anleger stoßen ihre Positionen in Panik ab - während gut vorbereitete Investoren selektiv zukaufen.

Gleichzeitig schärfen Bärenmärkte die Disziplin am Markt. Viele jüngere Anleger - und auch manche Profis - haben noch keinen vollständigen Baissezyklus erlebt. In den vergangenen zehn Jahren gab es lediglich oberflächliche Rücksetzer; ein echter Stresstest blieb aus. Ohne diese Erfahrung unterschätzen viele das Risiko, das sie eingehen, wenn sie Hypes hinterherlaufen oder Kapital falsch allozierten. Ein Bärenmarkt lehrt Besonnenheit, setzt den Fokus auf Kapitalerhalt, zwingt zur Neubewertung von Geschäftsmodellen und Bewertungen und trennt Dauerhaftes vom Kurzlebigen.

Wer richtig damit umgeht, profitiert somit auf zweierlei Weise von einem Bärenmarkt:

  • durch die Möglichkeit, hochwertige Vermögenswerte zu deutlich niedrigeren Bewertungen zu erwerben, und

  • durch das Potenzial, von einer niedrigeren Ausgangsbasis aus über die Zeit höhere Renditen zu erzielen.

Da die Märkte derzeit überbewertet wirken, die Spekulation zunimmt und die Zukunftsaussichten vielerorts zu optimistisch erscheinen, sollten Anleger einige Maßnahmen in Betracht ziehen, um das aktuelle bullische Umfeld umsichtig zu navigieren.

  • Überprüfen Sie die Grundlagen Ihres Portfolios. Stellen Sie sicher, dass die Unternehmen, in die Sie investiert sind, über eine nachhaltige Profitabilität, klare Wettbewerbsvorteile und eine solide, tragfähige Bilanz verfügen.

  • Sorgen Sie für ausreichende Liquiditätspuffer. Halten Sie genügend „trockenes Pulver“ - also Bargeld oder liquide Mittel - bereit, um bei attraktiven Bewertungen handlungsfähig zu sein.

  • Definieren Sie im Voraus Ihre Zielbewertungen oder Qualitätskriterien. Sie sollten genau wissen, was Sie bereit sind zu zahlen, wenn die Stimmung abrupt dreht und Angst den Markt dominiert.

  • Meiden Sie spekulative Themen bei hohen Bewertungen. Prüfen Sie Ertragskraft, Bilanzen und Geschäftsmodelle kritisch, bevor Sie Kapital einsetzen.

  • Legen Sie Allokationsregeln fest. Bestimmen Sie im Vorfeld, welchen Anteil Ihres Aktienengagements Sie in einem Abschwung ausbauen möchten.

  • Bleiben Sie investiert – vermeiden Sie Panikverkäufe. Wer inmitten einer scharfen Korrektur aussteigt, realisiert unnötig Verluste und verpasst häufig die erste Phase der Erholung.

  • Rüsten Sie sich emotional. Bärenmärkte testen weniger Ihre Intelligenz als Ihre Standhaftigkeit. Disziplin schlägt Markttiming.

  • Denken Sie langfristig. Eine Baisse ist lediglich ein Kapitel innerhalb eines jahrzehntelangen Investitionsprozesses; Wert entsteht über den gesamten Zyklus hinweg.

  • Erstellen Sie eine Watchlist hochwertiger Titel. Notieren Sie jetzt die Unternehmen, die Sie bei deutlich niedrigeren Kursen gerne erwerben würden - so können Sie im Ernstfall proaktiv agieren.

  • Beobachten Sie Makroindikatoren und Bewertungen, ohne sich lähmen zu lassen. Der Markt wartet selten auf vollständige Klarheit.

Wer diese Grundsätze berücksichtigt, ist besser in der Lage, aus einem rückläufigen Markt gestärkt hervorzugehen, statt von ihm überrollt zu werden. Letztlich sind Markteinbrüche ein integraler Bestandteil des langfristigen Vermögensaufbaus - entscheidend ist, diszipliniert zu bleiben.

Bärenmärkte sind ein notwendiger Mechanismus gesunder Finanzmärkte. Sie reduzieren systemische Exzesse und Krisenrisiken. Sie eröffnen geduldigen Investoren die Chance, hochwertige Vermögenswerte zu attraktiven Bewertungen zu erwerben und überproportional am nächsten Aufschwung zu partizipieren.

Dafür müssen Sie sich heute bereits darauf vorbereiten, eine mögliche - und unvermeidliche - Baisse nicht zu fürchten, sondern zu nutzen. Denn sie ist eine Chance, kein Fluch.

Aktuelle Kommentare

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Die Niveaus der Indikatoren sind auf Warnstufe rot. Wann ein Besrmarkt beginnt, wird keiner prognostizieren können! Aber wenn er mit einem initialen crash a la w 1929 beginnt, werden wir es merken:-))) Auch das Verhältnis Gold/ DOE signalisiert eine kommende Aktien“schwäche“ über einen längeren Zeitraum..
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