Es ist nun etwa elf Monate her, dass Russland in die Ukraine einmarschierte und den kostenintensivsten Krieg der Geschichte lostrat. Was danach geschah, haben wir ja alle mitbekommen und gerade bei uns im Trading Room haben wir immer wieder aktuelle Entwicklungen des Kriegsgeschehen im Kontext wirtschaftlicher und finanzieller Fragen beleuchtet. Gestern kamen die makroökonomischen Bilanzzahlen aus Russland und diese sind mehr als überraschend: Das Land verbucht einen Exportüberhang in Rekordhöhe!
Eine der wichtigsten makroökonomischen Kennzahlen ist das Import-Export-Verhältnis. Als Zahl sagt diese de facto nur aus, wie ausbalanciert der globale Handel eines Landes ist, aber dahinter steckt viel mehr. Sie sagt zum Großteil aus, wie viel mehr Geld eingenommen als ausgegeben wurde. Damit einhergehend stellt ein Einnahmeüberhang eine attraktive Situation dar, denn mit diesem Geld können Schulden beglichen, neue Schulden aufgenommen und neue Investitionen getätigt werden. Zudem kann die langfristige Entwicklung dieser Zahl auf den Entwicklungsstand eines Landes hinweisen. Die Türkei, zum Beispiel, hat seit Jahrzehnten einen Importüberhang und mit der Währungskrise wurde das Land durch einen Multiplikatoreffekt in eine Wirtschaftskrise gedrängt.
Im Fall von Russland stand man 2021 bei einem Exportüberhang von etwa $170.1 Milliarden, was schon recht hoch ist. 2022 aber stieg dieser Überhang auf $282.3 Milliarden an, und betrug somit circa 65% mehr als im Vorjahr. Beim der Kapitalflussbilanz verbuchte Russland einen Überhang von $227.4 Milliarden, was einen 86%igen Anstieg zum Vorjahr ausmacht. Das ging auch nicht spurlos am Russischen Rubel vorbei, der über das letzte Jahr neue Mehrjahreshochs gegen den US-Dollar erreichte. Trotz der umfangreichen Sanktionen vieler Industrienationen, konnte Russland seine Finanzen in diesem vergangenen Jahr deutlich aufbessern. Wie genau dieser Überhang genutzt wurde oder wird, ist nicht klar.
Zwei Faktoren spielten dabei eine wichtige Rolle. Zum einen stieg das Handelsvolumen zwischen Russland und China auf ein historisches Hoch von $190 Milliarden, wie aus chinesischen Daten hervorgeht. Die beiden Länder haben die bilateralen Handelsbeziehungen also erwartungsgemäß nochmal verstärkt. Aber auch der Handel mit anderen Ländern wurde angekurbelt. Vor allem Regionen, die sich politisch eher neutral zum Ukraine-Konflikt positionierten, wurden stärker in den Handel mit Russland involviert. Wahrscheinlich der größte Faktor stellt aber der Importstopp vieler westlicher Güter da. Durch die Sanktionen wurden die Handelsbeziehungen mit Europa, Nordamerika und Australien deutlich in Mitleidenschaft gezogen, da diese den Export nach Russland weitestgehend stoppten. Auswirkungen hatte dies dann auch auf die Handelsbilanz, was diesen massiven Exportüberschuss hervorbrachte.
Was sich für Russland kurzfristig vielleicht sehr gut anhört, könnte langfristig große Folgeschäden mit sich ziehen. Zwar führt die aktuelle Situation dazu, dass man mehr Geld in der Kasse hat, sich aber den wichtigsten Märkten der Welt verschließt. Güter und Dienstleistungen werden so schnell nicht mehr aus dem Westen kommen und so werden auch wichtige Innovationen ausbleiben – schließlich ist der Westen nach wie vor Vorreiter was Patentanmeldungen angeht. Russland muss also zusehen, dass neue Wirtschaftsverbindungen geknüpft werden. Zum einen, um an Innovationen heranzukommen, aber auch, um seine eigenen Innovationen im Ausland an den Mann zu bringen.
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