Santa-Claus-Rally: KI, Kapitalflut und politische Impulse

Veröffentlicht am 25.12.2025, 19:36

Der Aktienmarkt befindet sich derzeit in der sogenannten Santa-Claus-Rally, die traditionell am 24. Dezember einsetzt und bis zum 5. Januar andauert. Historisch betrachtet fällt dieser Zeitraum häufig positiv aus: Laut Daten von Citadel Securities verzeichnete der S&P 500 seit 1928 in rund 75 Prozent der Jahre während dieser Phase positive Renditen.

Seit 2020 war lediglich das Jahr 2022 von einem deutlichen Rückgang geprägt, als der Index mit einem Minus von nahezu 20 Prozent schloss. Auslöser waren die schnellen und kräftigen Zinserhöhungen der US-Notenbank zur Eindämmung der Inflation. In den darauffolgenden Jahren kehrte der Markt jedoch klar auf den Wachstumspfad zurück: Der Index legte 2023 um 24,23 Prozent und 2024 um 23,31 Prozent zu.

Für das Jahr 2025 zeichnet sich aktuell ein Jahresplus von rund 17 Prozent ab. Gleichzeitig weist Carson Investment Research darauf hin, dass die Santa-Claus-Rally im Jahr 2024 ausblieb, da der Index in diesem Zeitraum um 0,9 Prozent nachgab. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob sich ein ähnliches Muster erneut zeigen könnte.

Noch entscheidender dürfte allerdings sein, ob sich das erste Quartal 2026 günstiger entwickelt als das erste Quartal 2025.

Historische Auswertungen von Dow Jones zeigen, dass Anleger während der Santa-Claus-Rally im Durchschnitt mit Kursgewinnen zwischen 1,3 und 1,65 Prozent rechnen konnten - bezogen auf den S&P 500, den Nasdaq Composite und den Dow Jones Industrial Average. Voraussetzung bleibt jedoch, dass die Rally tatsächlich einsetzt, was statistisch gesehen in etwa einem Drittel der Fälle nicht der Fall ist - zuletzt im Jahr 2024.

Sollte sich das Jahr 2025 als Wiederholung von 2024 erweisen, würde die Santa-Claus-Rally damit zwei Jahre in Folge ausbleiben. Statistisch wäre dies eine auffällige Abweichung, da es bislang noch nie drei aufeinanderfolgende Jahre ohne eine solche Jahresendrally gegeben hat. Den Daten von Carson zufolge traten seit dem Jahr 2000 lediglich 2015 und 2016 als zweijährige Negativserie auf.

Nach der Zinssenkung um 25 Basispunkte im Dezember, durch die der Leitzins in eine Zielspanne von 3,50 bis 3,75 Prozent gesenkt wurde, befindet sich der Aktienmarkt jedoch in einer günstigeren Ausgangslage. Ende 2024 lag der effektive Fed-Funds-Satz noch bei 4,33 Prozent, aktuell beläuft er sich auf 3,64 Prozent.

Allerdings ist dies nur einer von mehreren Faktoren, die für die weitere Entwicklung während der Santa-Claus-Rally und darüber hinaus von Bedeutung sind.

So berichtete das Wall Street Journal am vergangenen Donnerstag, dass OpenAI Gespräche über eine Finanzierungsrunde von bis zu 100 Milliarden US-Dollar führt. In diesem Fall könnte die Unternehmensbewertung auf rund 830 Milliarden US-Dollar steigen. Für ein KI-Unternehmen, das bislang keine Gewinne erzielt und im Jahr 2024 einen Nettoverlust von rund 5 Milliarden US-Dollar ausgewiesen hat, wäre dies eine außergewöhnlich hohe Bewertung.

Für das laufende Jahr rechnet OpenAI mit einem nahezu verdoppelten Nettoverlust von etwa 9 Milliarden US-Dollar. Einer Prognose des Wall Street Journal aus dem November zufolge, die auf internen Finanzunterlagen basiert, könnte das Unternehmen erst ab 2030 nachhaltig profitabel arbeiten. Das von Amazon unterstützte KI-Unternehmen Anthropic, bekannt für die Claude-Modelle, strebt die Gewinnzone hingegen bereits für das Jahr 2028 an.

Aktuelle Daten von Dealogic zeigen zudem, dass der KI-Boom den globalen Technologiesektor im Jahr 2025 zu Anleiheemissionen im Volumen von 428,3 Milliarden US-Dollar veranlasst hat. Davon entfielen 341,8 Milliarden US-Dollar auf US-Technologieunternehmen. Neben den hohen Investitionen in KI-Chips und Rechenzentren sind dabei auch erhebliche Mittel für den Ausbau der Energieinfrastruktur erforderlich.

Dies verweist auf bislang beispiellose Kapitalbindungen, die den Aktienmarkt zunehmend prägen und antreiben. Der Technologiesektor vereint inzwischen rund 34 Prozent des S&P 500 auf sich und stellt damit den mit Abstand größten Einzelbereich. Diese Entwicklung wurde zuletzt eindrucksvoll unterstrichen, als Nvidia Ende Oktober als erstes Unternehmen überhaupt eine Marktbewertung von 5 Billionen US-Dollar erreichte.

Angesichts des fortlaufenden Investitionsbedarfs im Bereich der Rechenzentren - nicht zuletzt, weil neue Nvidia-Chipgenerationen ältere Modelle rasch ersetzen - dürfte ein erheblicher Teil dieses Kapitals kaum nachhaltig abfließen. Stattdessen entwickelt sich der Aktienmarkt zunehmend zu einem sich selbst verstärkenden Kreislauf aus Refinanzierungen und neuen Aktienemissionen.

Auch wenn diese Dynamik zahlreiche Merkmale einer Blasenbildung aufweist, entsteht parallel eine dauerhafte algorithmische Infrastruktur. Diese wird von Unternehmen wie Oracle, Microsoft, Alphabet, Amazon, OpenAI und Palantir vorangetrieben - häufig in enger Verzahnung mit staatlichen Akteuren.

Vor diesem Hintergrund erscheint ein baldiges Platzen der sogenannten KI-Blase derzeit wenig wahrscheinlich. Vielmehr können Investoren davon ausgehen, dass politische und wirtschaftliche Machtzentren ihre Anstrengungen zur Durchsetzung von KI-Technologien weiter intensivieren. Parallelen lassen sich dabei zum technokratischen Vorstoß während der Pandemie ziehen.

Gleichzeitig scheint die Phase der Zollturbulenzen, die Anfang April zu einem deutlichen Markteinbruch geführt hatte, vorerst überwunden. Nach Angaben des Haushaltsmodells der Penn-Wharton-Schule erzielten die von Präsident Trump eingeführten Zölle zwischen Januar und September 2025 Rekordeinnahmen von 124,5 Milliarden US-Dollar.

Ob die globale Neuausrichtung der Zollpolitik jedoch nachhaltige positive Effekte für die US-Wirtschaft und den Aktienmarkt entfalten wird, bleibt offen. Ziel der Maßnahmen ist es, industrielle Produktion wieder stärker in die USA zu verlagern, nachdem diese über Jahrzehnte parteiübergreifend - insbesondere nach China - ausgelagert worden war. Gleichzeitig schrumpft die US-Industrie nun bereits seit neun Monaten in Folge, wie der Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe im November zeigt.

Zusätzlich meldete S&P Global in der vergangenen Woche den schwächsten Zuwachs bei den Auftragseingängen seit 20 Monaten. Auch das Beschäftigungswachstum fiel in den vergangenen acht Monaten so gering aus wie zuletzt im September. Hinzu kommt, dass die Zahl der Unternehmensinsolvenzen im Zwölfmonatszeitraum bis zum 30. September 2025 laut der Verwaltungsbehörde der US-Bundesgerichte um 10,6 Prozent gestiegen ist.

Aus statistischer Perspektive wäre ein zweites Ausbleiben der Santa-Claus-Rally in Folge eine auffällige Ausnahme. Selbst im Fall einer Jahresendrally dürfte diese jedoch eher dazu beitragen, tiefere strukturelle Schwächen eines Marktes zu überdecken, der zunehmend von KI-Euphorie und hoher Liquidität getragen wird.

Mit anderen Worten wäre eine solche Entwicklung weniger Ausdruck realwirtschaftlichen Optimismus, sondern vielmehr ein Hinweis auf einen immer stärker technisch und kapitalflussgetriebenen Markt.

Dennoch könnten Anleger darauf setzen, dass die Dynamik der großen Technologieunternehmen den Gesamtmarkt bis ins neue Jahr hinein stützt - zumal die Kursentwicklung inzwischen maßgeblich von sich selbst verstärkenden Kapitalströmen im Technologiesektor geprägt ist.

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