Brent, der europäische Ölbenchmark, hat über die letzte Woche mit 80 USD das Fass geflirtet. Letzte Woche schlug er kurzzeitig über 80 USD aus, befeuert von dem Wochenreport der US-Energieinformationsagentur EIA, der einen Rückgang der Lagerbestände um über 5 Mio Fass Öl gezeigt hatte.
Es ist gerade mal zwei Jahre her, dass der Preis von Brent auf lediglich 45 USD das Fass stand und Analysten sich wunderten, ob niedrige Ölpreise zu einem dauerhaften Phänomen am Markt werden könnten.
Jetzt, da die Preise sich auf 80 USD zubewegen, ist es sicher, die Ära des billigen Öls für beendet zu erklären? Könnten wir einen weitere Anstieg auf 90 oder 100 USD das Fass sehen und Benzinpreise von über 4 USD für Verbraucher in den Vereinigten Staaten?
Hier sind zwei verschiedene Sichtweisen:
1. Ja, die Ölpreise werden weiter steigen.
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Die Wachstumsraten der US-Frackingindustrie beginnen zu fallen. Ein Mangel an Pipelines lässt die Schieferölfirmen im Permischen Becken und umliegenden Regionen mit der Bohrung neuer Förderstellen warten. Ohne konstantes Wachstum in diesem Sektor, werden die Ölpreise steigen.
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Die iranische Ölförderung und die Exporte des Landes lassen als Ergebnis neuer US-Sanktionen nach, ab dem 4. November in Kraft ttreten sollen. Wie Tanker Trackers meldet, sind die iranischen Exporte schon im September auf 1,578 Mio Fass gesunken. Das ist ein 23,4 prozentiger Fall gegenüber August. Einige Analysten denken, dass die Sanktionen gegen den Iran 1,5 Mio Fass Öl am Tag vom Weltmarkt nehmen könnten und dass die anderen Produzenten kaum in der Lage sind, diese Lücke zu schließen.
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Venezuelas Ölproduktion befindet sich im freien Fall und der Kollaps wird weitergehen, da das Land sich einer Wirtschaftskrise gegenübersieht, die derart tief ist, dass die Regierung noch nicht einmal die Lichter ausgehen. Daten von Platts nach, produziert Venezuela nur noch 1,2 Mio Fass am Tag—nachdem es in 2017 noch durchschnittlich 1,97 Mio Fass am Tag gewesen waren.
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Russland will sich nicht festlegen, ob es seine Förderung erhöht oder nicht, bis seine Vertreter sich mit denen von Saudi-Arabien und anderen Ölexporteuren am nächsten Sonntag in Algerien getroffen haben. Seine Partner könnten dort durchaus empfehlen, dass die Opec ihre derzeitige Fördermenge beibehält, bis die Gruppe im Dezember ihren formalen Gipfel abhält. Ein Nichtanheben der Produktion könnte die Ölpreise in Vorausnahme einer künftigen Verknappung auf einen Höhenflug schicken.
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Saudi-Arabien sagt es sei auf kurze Sicht “komfortabel” mit einem Brentpreis von über 80 USD. Das könnte bedeuten, dass die Saudis für die nächsten Monate keine Erhöhung ihre Ölförderung vorhaben.
2. Nein, wir werden keine extrem hohen Ölpreise bekommen.
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Die Wachstumsraten in der US-Frackingindustrie sind tatsächlich gefallen, aber das Produktionsniveau ist nach wie vor hoch und viele Schieferölfirmen transportieren ihr Öl mit der Eisenbahn oder auf der Straße. Als Resultat geben die Produzenten Rabatte von bis zu 14 USD das Fass. Und nicht nur das, WTI ist mittlerweile fast 10 USD billiger als Brent. Die Rabatte, zu denen sich US-Produzenten gezwungen sehen, werden den Preis von WTI niedrig halten, selbst wenn Brent teurer wird. Die US-Pipelinekapazitäten und die Exporte werden ebenfalls wachsen, was die Weltmarktpreise unter Druck setzen dürfte.
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Der Anteil des Irans am globalen Ölmarkt schrumpft, aber es liefert immer noch Öl nach China, Indien, die Türkei, Italien und Spanien. Der Iran hilft auch seinen Kunden in China und Indien dabei, von den US-Sanktionen getroffen zu werden, indem es seine eigene Tankerflotte benutzt, um sein Öl zu transportieren und dieses auch selbst versichert. Unterdessen schafft die EU eine finanzielle Umgehungslösung, die es Unternehmen ermöglichen könnte, Fonds in den Iran zu überweisen im Austausch für Öl. Das könnte bedeuten, dass mehr iranisches Öl an den Markt kommen wird, als dies Analysten derzeit vorsehen.
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Platts mag berichten, dass Venezuela im August lediglich 1,2 Mio Fass an Öl produzierte, aber die Zahlen von Reuters lagen höher—fast 1,5 Mio Fass am Tag—im Juli. Hinzu kommt, der venezolanische Ölminister behauptet, dass das Land seine Ölförderung in den kommenden Monaten um 640.000 Fass am Tag steigern werde. Mehr Öl aus dem krisengeschüttelten Land könnte die Ölpreise in Schach halten.
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Russland behauptet, es habe die Kapazität für einen Erhöhung seiner Ölproduktion um mindesten 300.000 Fass am Tag und sei auch bereit dies zu tun, nach dem Treffen am 23. September zwischen Ölministern aus der Opec und von außerhalb des Kartells.
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Saudi-Arabien und andere Opec-Mitglieder haben schon im August die Ölproduktion um 420.000 Fass am Tag angehoben und die Saudis haben immer noch Reservekapazitäten. Das Land hat versprochen diese im Bedarfsfall auszuschöpfen. Es gab viele Diskussionen zwischen Saudi-Arabien und den Vereinigten Staaten, die suggerieren, dass das Königreich die Produktion anheben wird, um Preiserhöhungen im Vorfeld von Wahlen in den USA zu vermeiden.
Die Wirklichkeit wird wahrscheinlich zwischen diesen beiden Extremen ausfallen:
Die US-Produktion wird die WTI-Preise tief halten, aber der Fall der venezolanischen Förderung dürfte weitergehen. Um die 1 Mio Fass an iranischem Öl am Tag werden wahrscheinlich wegen der Sanktionen vom Markt verschwinden, aber China, die Türkei und Indien werden auch weiter einiges an iranischem Öl importieren. Die Opec und Russland werden vermutlich entscheiden, die Förderung anzuheben, auch wenn sie damit nicht völlig die Verluste durch den Iran und Venezuela ausgleichen werden.
Zur gleichen Zeit allerdings, werden Spekulationen die Ölpreise weiter nach oben schicken, sogar wenn die Fundamentaldaten zeigen, dass der Markt ausreichend versorgt oder sogar etwas überversorgt ist.