ROUNDUP/Aktien New York Schluss: Deutliche Verluste - Iran-Unsicherheit hält an
Obwohl in den Vereinigten Staaten nur 4,22 % der Weltbevölkerung leben, dienen sie nach wie vor als globaler Magnet für Kapital. Laut Research der US-amerikanischen Wertpapier-Industrie- und Finanzmarkt-Vereinigung erhöhte sich die ausländische Bruttoaktivität in US-Wertpapieren im Jahr 2024 gegenüber dem Vorjahr um 33,8 % auf 134,7 Bio. USD.
Nach Schätzungen von The Economist entfielen 2024 rund 61 % der weltweiten Börsenkapitalisierung auf die USA. Und da Europa an seiner lähmenden Netto-Null-Politik festhielt, auf die Bombardierung der Nord-Stream-Pipeline nicht reagierte und zusätzlich mit einem wohlstandsverzehrenden Stellvertreterkrieg gegen Russland konfrontiert war, dürften viele Investoren erwarten, dass diese Dominanz weiter zunimmt.
Der S&P 500 (SPX) spiegelt inzwischen weitgehend den Zustand der Weltwirtschaft wider, da er rund 80 % des gesamten US-Aktienmarktes umfasst. Wenn Anleger irgendwo auf der Welt sagen, „der Markt zieht an“, beziehen sie sich in der Regel auf den S&P 500.
Seit Jahresbeginn hat der SPX-Index um 15,84 % zugelegt und damit seine durchschnittliche Jahresrendite von 10,54 % seit 1957 deutlich übertroffen. Gleichzeitig schwankt laut Gallup der Aktienbesitz der Verbraucher seit 1998 zwischen 62 % und 52 % und dürfte 2025 wieder bei 62 % liegen – einem Niveau, das an die Höchststände der frühen 2000er Jahre erinnert.
Für Anleger macht diese Entwicklung deutlich, warum der S&P 500 bei der Einschätzung künftiger Marktchancen weiterhin das wichtigste Barometer der Welt bleibt.
Erwartete Gewinne durch den Liquiditätsschub der Fed
Senkt die Fed unter passenden wirtschaftlichen Bedingungen die Zinssätze (Fed Funds Rate), vergrößert sich automatisch die Spanne zwischen den Finanzierungskosten der Geschäftsbanken und ihren Krediterträgen. Dieser verbreiterte Spread schafft einen starken Anreiz, mehr Kredite zu vergeben – was wiederum die Liquidität in der gesamten Wirtschaft erhöht.
Wie kraftvoll dieser Liquiditätseffekt sein kann, zeigte die Phase von 2020 bis 2022: Damals profitierten riskante Anlagen wie Bitcoin deutlich von den Zinssenkungen der Fed, die Kapital in ertragsfreie „Safe-Haven“-Alternativen schoben. Laut der jüngsten FOMC-Zusammenfassung der Wirtschaftsprojektionen ist jedoch nicht damit zu rechnen, dass der Leitzins wieder in die Nähe des damaligen Nullniveaus fällt.
Stattdessen liegt die niedrigste Zinsprognose auf Basis des Medianwerts bei 3,6 % für 2025, gefolgt von 3,4 % bzw. 3,1 % in den Jahren 2026 und 2028.
Die nächste Zinssenkung wird derzeit für Dezember erwartet, und die Wahrscheinlichkeit dafür ist laut FedWatch Tool der CME auf 82,9 % gestiegen. Auch die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Senkung im Januar hat zuletzt die Marke von 50 % überschritten. Sollten beide Schritte erfolgen, würde der aktuelle effektive Leitzins der Fed – derzeit zwischen 3,75 % und 4,00 % – bis Februar auf 3,25 % bis 3,50 % sinken.
Auf Basis der jüngsten JPMorgan-Projektion könnte diese Lockerungspolitik den SPX von aktuell 6.797 auf einen neuen Rekordstand von 8.000 im Jahr 2026 treiben, was einem potenziellen Gewinnschub von 17,7 % entspricht. Eine ähnliche Einschätzung liefert die Deutsche Bank, die ebenfalls einen Anstieg des SPX auf 8.000 bis Ende 2026 erwartet, begleitet von einem Gewinn je Aktie von 320 USD.
Unklar bleibt jedoch, wie viele dieser Erwartungen bereits im Markt eingepreist sind. Die Bank of America zeigt sich vorsichtiger und sieht das SPX-Top im Jahr 2026 bei 7.100. Ein wesentlicher Treiber dieser Unsicherheit sind die KI-bezogenen Expositionen im Index.
KI-Engagements und Zweifel an der Wirtschaftlichkeit
Laut einer Untersuchung von BofA Securities haben die vier großen Hyperscaler – Amazon (NASDAQ:AMZN), Meta (NASDAQ:META), Microsoft (NASDAQ:MSFT), Alphabet (NASDAQ:GOOGL) – seit Jahresbeginn Investment-Grade-Emissionen im Wert von 121 Mrd. USD aufgenommen, gemessen an der Summe neu ausgegebener Unternehmensanleihen.
Mit anderen Worten: In der Erwartung, dass KI die Produktivität messbar steigern wird, haben diese Unternehmen allein in diesem Jahr hochwertige Schuldtitel über 121 Mrd. USD platziert. Für 2026 wird damit gerechnet, dass sich diese Verschuldung auf rund 100 Mrd. USD normalisiert. Insgesamt entspricht das für Big Tech einem Wachstum von rund 18 % oder einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (PEG) von 1,3.
Fest steht: KI bildet heute das Fundament für die Bewertung des gesamten US-Aktienmarktes – vom Energiesektor über den militärisch-industriellen Komplex bis hin zu Biotech-Unternehmen, die zunehmend KI-gestützte Verfahren einsetzen. Problematisch bleibt jedoch, dass jahrelang verzögerte Investitionen in die Energieinfrastruktur nun zum Engpass für den KI-Einsatz werden – trotz jüngster Bemühungen, ältere Kernreaktoren wieder ans Netz zu bringen.
Auch die Beziehungen zu China bleiben angespannt, nachdem über Jahrzehnte hinweg ein wirtschaftlicher Konsens darüber bestand, das Land zum industriellen Zentrum der Welt auszubauen. Dazu zählt insbesondere die Abhängigkeit von kritischen Seltenen Erden (REEs), die bereits während der Trump-Administration aufgegriffen wurde.
Insgesamt deuten die Erkenntnisse von BofA Securities darauf hin, dass weitere Zinssenkungen notwendig sein könnten, um die Risiken aus KI-bezogenen Verpflichtungen abzufedern. Die Analysten der Bank erwarten für 2026 ein BIP-Wachstum von 2,4 %. Das aktuelle Modell der Atlanta Fed schätzt das reale BIP-Wachstum im dritten Quartal auf 4 %, etwas unter der vorherigen Prognose von 4,2 %.
Unterm Strich fährt der Aktienmarkt derzeit auf der Welle der KI-Entwicklungen mit. Wie Googles Gemini 3 jüngst gezeigt hat, kann jeder neue Fortschritt bei Argumentationsfähigkeit und Zuverlässigkeit unmittelbar Marktimpulse setzen.
Es sind größere Inkohärenzen zu berücksichtigen
Der KI-Boom basiert auf der Annahme, dass er die Produktivität steigert – entweder, indem er hohe Arbeitskosten ersetzt, oder indem er qualifizierte Arbeitskräfte effizienter macht. Die Sprachlernplattform Duolingo (NASDAQ: DUOL) gehört zu den ersten Unternehmen, die diesen Wandel sichtbar demonstrieren. Gleichzeitig steht dieser Produktivitätsansatz jedoch im Widerspruch zu dem massiven politischen Bestreben, sowohl legale als auch illegale Einwanderung auszuweiten.
Schon ohne Berücksichtigung von KI zeigt sich, dass Einwanderer beim Nettobeitrag zum Bundeshaushalt deutlich hinterherhinken. Ein Blick nach Dänemark verdeutlicht dies: Dort wurde bereits vor rund einem Jahrzehnt festgestellt, dass die einheimische Bevölkerung den positiven Nettobeitrag nicht-westlicher Einwanderer bei Weitem übertrifft.
Aus diesem Grund wird die Einwanderungspolitik in Dänemark zunehmend verschärft. Und wie der Think Tank American Enterprise im Februar 2025 berichtete, zeichnen die Daten für die USA ein ähnliches Bild:
„Diejenigen, die zwischen dem 60. und 90. Perzentil liegen, sind ungefähr Netto-Nullzahler, und nur die obersten 10 Perzentile sind Nettozahler. Mit anderen Worten: Alle Einwanderer, die in die USA kommen, liegen unter dem 90. Perzentil und werden nicht dazu beitragen, die durch die niedrige Geburtenrate verursachten Haushaltsprobleme zu lösen.“
Wenn lediglich 10 % der Einwanderer zu den Nettozahlern zählen, steht die US-Wirtschaft vor einem erheblichen finanziellen Abfluss – verbunden mit höheren Steuerbelastungen und wachsenden Sozialausgaben. Zwar wurde Präsident Trump mit dem Slogan „Massenabschiebungen“ gewählt, doch vieles deutet darauf hin, dass es sich dabei eher um Wahlkampfrhetorik handelt, ähnlich wie damals bei „Sperrt sie ein“.
Aus Sicht wirksamer Regierungsführung wäre zu erwarten, dass diese Pläne konsequent durch politische Maßnahmen flankiert werden – etwa durch höhere Steuern auf Überweisungen oder eine strikte Umsetzung des Arbeitgeber-Systems e-verify. Stattdessen wurde nicht nur die vorgeschlagene Bundessteuer auf Überweisungen ins Ausland von 5 % bis 3,5 % auf lediglich 1 % reduziert, sondern Präsident Trump betonte jüngst sogar den Bedarf an zusätzlicher Einwanderung.
Hinzu kommt, dass die auffällige Fokussierung auf öffentlichkeitswirksame ICE-Einsätze den Eindruck erweckt, dass es vorrangig um symbolische Aktionen geht – Maßnahmen, die Widerstand provozieren und „Massenabschiebungen“ faktisch zu punktuellen Alibi-Aktionen machen. Gleichzeitig scheint diese Choreografie politisch dazu zu dienen, die eigene Basis zu beruhigen, nach dem Motto: „Wir haben etwas unternommen.“ Diese Inkohärenz zeigt sich auch im Umgang mit China: Obwohl das Land als strategischer Rivale gilt, dürfen weiterhin rund 600.000 Studenten einreisen.
All dies deutet darauf hin, dass Trumps übergeordnetes Ziel vor allem darin besteht, die Löhne weiter zu drücken. Ähnliche Muster finden sich in vielen westlichen Volkswirtschaften. Ein Beispiel: 2021 leitete der damalige britische Premierminister Boris Johnson unter dem Deckmantel pandemiebedingter Lockdowns eine beispiellose Einwanderungswelle ein. Später räumte er offen ein, dass sie der Lohndämpfung diente – ein Vorgang, der später als „Boriswave“ bezeichnet wurde.
Da die USA das Privileg besitzen, die wichtigste Reservewährung der Welt herauszugeben, können sie lohndrückende, einwanderungsintensive und defizitfinanzierte Strategien deutlich wirkungsvoller verfolgen als das Vereinigte Königreich.
Zwar profitieren Unternehmensbilanzen und Aktienmärkte auf den ersten Blick von diesem Ansatz, doch geschieht dies auf Kosten der langfristigen wirtschaftlichen Perspektive: Die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Arbeitskräfte wird ausgehöhlt, und die zukünftige Steuerbasis erodiert.
Mit weiter anwachsenden Haushaltsdefiziten setzt sich diese Dynamik fort und führt zu einer stärkeren Abwertung des USD, da die Fed gezwungen ist, immer mehr Schulden zu monetarisieren. Ironischerweise könnte genau dieser Prozess den Aktienmarkt kurzfristig anheizen und damit einen vorübergehenden Ausweg aus der Entwertung des Fiat-Geldes bieten.



