Wie dramatisch ist die neue US-Zolldiskussion wirklich?

Veröffentlicht am 24.02.2026, 12:02

Nach dem Urteil des Obersten US-Gerichtshofs gegen den Einsatz reziproker Zölle verkündet US-Präsident Trump umgehend globale Zölle i.H.v. 15 Prozent auf Basis der Section 122 des Trade Acts von 1974. Das Thema Gesichtswahrung lässt ihm keine andere Wahl. 

Trumps mächtigster Zauberstab ist entzaubert

Grundsätzlich kommt den asiatischen Ländern, aber auch Brasilien der Wegfall reziproker Zölle entgegen, da diese oberhalb von 15 Prozent liegen. Unvorteilhaft dagegen ist der neue Zolldeal für die EU, da er oberhalb der Zinslast des US-EU-Handelsdeals liegt.  

Von noch größerer Bedeutung ist allerdings, dass er zukünftig zum Knebelinstrument werden könnte, wenn neue politische Strukturen in Amerika eine Entschärfung des Trumpschen Zollregimes durchführten. Dann könnten die USA weiter umsonst nach Europa exportieren und wir zahlen weiter brav vertraglich geregelte Hochzölle. 

Die EU tut gut daran, auf eine umfassende - politisches Wort für auf Zeit spielende - Klärung der neuen Zollsituation zu pochen und dabei auch mit Neuverhandlungen zu drohen. Dabei kommt ihnen zugute, dass das Oberste US-Gericht keine political one man show will, bei der Zölle nach Gutsherrenart des US-Präsidenten bestimmt werden. Das mindert nicht zuletzt die Ehrfurcht der Republikaner vor Trump. Sie können einer wirtschaftsfeindlichen Zollmanie ohne jetzt eigene hohe soziale Kosten einen Riegel vorschieben. Nicht zuletzt wollen sie bei den Zwischenwahlen im November nicht unter die demokratischen Räder kommen. Tatsächlich entzücken die Umfrageergebnisse klar die Blauen und nicht die Roten. Auch J.D. Vance will seine Wahlchancen 2028 nicht gefährden. Er ist zwar mit Trump auf den politischen Highway gelangt, will diesen aber nicht mit ihm wieder verlassen müssen. Der Oberste Gerichtshof als vermeintlicher Freund und Helfer des Präsidenten hat Trumps mächtigsten Zauberstab zwar nicht zerstört, aber kräftig entzaubert. 

Wie will Trump von dieser großen Schmach ablenken? 

Immerhin war Zollpolitik eines seiner größten Wahlkampfthemen. Dem US-Präsident steht sicherlich ein Potpourri an weiteren Handelseinschränkungen zur Verfügung. Aber diese benötigen Zeit zur Abstimmung. Und die Wiederbelebung von Checks und Balances sorgt für eine weitere massive Entschleunigung von jeder emotional aus der Hüfte geschossenen Kugel. Die bisherige Wirkung von Zöllen ist ohnehin blass: 2025 haben die USA keine nennenswerte Verbesserung ihres Handelsbilanzdefizits erreicht. Was man im Inland nicht produziert, muss im Ausland gekauft werden. 

Er könnte auch eine andere „Front“ aufmachen und den Iran angreifen. Mittlerweile kann man den Aufmarsch an Kriegsschiffen im Nahen Osten nicht mehr als reine Drohkulisse betrachten. Er erinnert immer mehr an die Vorbereitung des Golfkriegs. Ein ansteigender Ölpreis scheint ebenso darauf hinzudeuten. Immerhin will Amerika keine Bodentruppen einsetzen. Es geht vor allem um die Zerschlagung politischer und militärischer Ziele.  

Neue Machtgefühle in Europa?

Sicher, aufgrund der wieder bröckeligeren Planungssicherheit hat sich die Unsicherheit für exportsensitive europäische Unternehmen wieder erhöht. Zölle sind nichts Schönes, aber bislang hatte man zumindest Planungssicherheit.

Immerhin reagieren die Aktienmärkte in Europa einigermaßen stabil, da auf konstruktive Verhandlungen spekuliert wird. Tatsächlich, aufgrund eines neuen Machtgefühls muss erwartet werden, dass die EU die Rolle des Watschenmanns ablegt.    

Grundsätzlich kommt Aktien aus Europa zugute, dass sie umsatz- und produktionsseitig global breit und solide aufgestellt sind. In Amerika sind unsere Güter offenbar immer noch so heiß begehrt, dass US-Importeure gerne die Zollabgaben übernehmen.

Unabhängig davon verleiht die Neuausrichtung der Börsenthemen den Börsen in Europa frischen Wind. Zunächst bleibt Europas Gewinnwachstum wegen der Aussicht auf weltwirtschaftliche Aufhellungen gut unterfüttert, während Unternehmen mit stärkerem Heimat-Bezug von den staatlichen Infrastruktur- und Rüstungsinvestitionen profitieren. Das stellt auch der ifo Geschäftsklimaindex fest.

Ebenso spielt KI-Immunität aktuell eine zunehmend wichtige Rolle, so dass Value-Titel der old economy als verlässliche „Cashlieferanten“ der Realwirtschaft ihr Comeback feiern. Und die Weltsprachen von Value sind immer noch „europäisch“ und deutsch.

Jetzt fehlt nur noch eins: Mehr Mut der Politik zu echten Reformen statt nur schönem Blabla. Dazu ein Zitat von Franz Beckenbauer: „Ja gut, am Ergebnis wird sich nicht mehr viel ändern, es sei denn, es schießt einer ein Tor.“ 

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