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Als China im Jahr 2013 seine gewaltige Initiative für eine „neue Seidenstraße“ ins Leben rief, war ich tief beeindruckt. Auf dem Papier handelte – und handelt – es sich um das ehrgeizigste Infrastrukturprojekt der modernen Geschichte: eine zeitgenössische Seidenstraße, die Asien mit Europa, Afrika und Amerika verbinden soll.

Im Laufe der Jahre bin ich jedoch zu der Einsicht gelangt, dass es sich bei der Initiative eher um ein trojanisches Pferd handelt – eines, das sich leise durch die Schwellenländer bewegt, während Washington weitgehend unbeteiligt zusieht. Besonders deutlich zeigt sich das in der Region „Lateinamerika und Karibik“ (LAC).
Heute bin ich überzeugt, dass die Vereinigten Staaten in den kommenden Jahrzehnten Gefahr laufen, ihren Einfluss im eigenen geopolitischen Umfeld zu verlieren, sofern sie den Volkswirtschaften Lateinamerikas und der Karibik keine glaubwürdige, langfristige Alternative bieten – in den Bereichen Infrastruktur, Technologie, Verteidigung und darüber hinaus.
Tiefseehafen Chancay: Eine neue Ära chinesischer Einflussnahme
Im November vergangenen Jahres besuchte Chinas Präsident Xi Jinping Peru, um den 1,3 Mrd. USD teuren Tiefseehafen Chancay feierlich einzuweihen. Als erster „Smart Port“ Südamerikas – vernetzt über Autobahnen, Eisenbahnlinien, Datenkabel und Stromnetze – wurde Chancay vom chinesischen Staatskonzern COSCO errichtet, der den Hafen auch selbst betreibt.
Peking betont, das Projekt werde rund 8.000 Arbeitsplätze schaffen und die Transportkosten zwischen China und Südamerika um etwa 20 % senken. Zudem sollen sich die Transportzeiten um rund zehn Tage verkürzen – ein strategischer Vorteil für China im Handel und in den Lieferketten der gesamten westlichen Hemisphäre.
Nach Schätzungen des Center for Strategic and International Studies (CSIS) könnte Chancay nach seiner vollständigen Inbetriebnahme bis zu 3,5 Millionen Container pro Jahr abfertigen. Damit würde er zu einem der drei größten Häfen Lateinamerikas aufsteigen – und zum bedeutendsten Hafen der Region, der vollständig unter der Kontrolle eines chinesischen Staatsunternehmens steht.

Das Center for Strategic and International Studies (CSIS) hat insgesamt 37 Seehäfen in Lateinamerika und der Karibik identifiziert, die in irgendeiner Form mit chinesischen Unternehmen verbunden sind. Zum Vergleich: Die Vereinigten Staaten betreiben in dieser Region keinen einzigen Hafen.
Chinas Einfluss reicht bis in jeden Winkel des Kontinents
Wie konnte es so weit kommen? Seit dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation (WTO) im Jahr 2001 wuchs der Handel des Landes mit Lateinamerika in den folgenden zehn Jahren um durchschnittlich 31 % pro Jahr. Im Jahr 2024 wird das Handelsvolumen zwischen beiden Regionen voraussichtlich 518 Mrd. USD erreichen – und damit die Vereinigten Staaten als wichtigsten Handelspartner Südamerikas übertreffen.
Analysten erwarten, dass dieser Wert bis 2035 auf rund 700 Mrd. USD steigen könnte. China ist mittlerweile der größte Abnehmer von argentinischem Lithium, venezolanischem Rohöl sowie brasilianischen Sojabohnen und Eisenerzen – ein Beleg für Pekings tief verwurzelte wirtschaftliche Präsenz in der Region.

Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ist inzwischen auch der bedeutendste Akteur beim Ausbau der regionalen Infrastruktur – von U-Bahn-Stationen in Bogotá und Mexiko-Stadt bis hin zu Wasserkraftwerken in Ecuador. Innerhalb von nur zwei Jahrzehnten hat Peking über 286 Mrd. USD in Projekte in Lateinamerika investiert und nähert sich damit dem Investitionsvolumen, das China in ganz Afrika aufgebaut hat.
Ein weiteres Beispiel – neben dem Tiefseehafen Chancay – ist das geplante chilenisch-chinesische Unterseekabel China-Chile Express, das die Pazifikküste direkt mit Hongkong verbinden soll. Experten warnen allerdings, dass dieses Projekt den südamerikanischen Kontinent faktisch dem chinesischen Cybersicherheitsgesetz von 2017 unterstellen könnte – einem Gesetz, das Unternehmen zur Kooperation mit den chinesischen Nachrichtendiensten verpflichtet.
Lücke von 180 Mrd. USD bei den jährlichen Infrastrukturausgaben
Für die Vereinigten Staaten stellt diese Entwicklung sowohl eine Krise der Nachlässigkeit als auch eine Krise der strategischen Weitsicht dar.
Während sich Washington in den vergangenen Jahren vor allem auf Terrorismusbekämpfung und kurzfristige Hilfsprogramme in Lateinamerika und der Karibik konzentrierte, verfolgte China einen langfristig angelegten Ansatz: Peking investierte gezielt in Häfen, Eisenbahnen und Stromnetze – und schuf damit über Jahrzehnte, möglicherweise sogar über Generationen hinweg, enge wirtschaftliche und politische Verbindungen zu der Region.
Zwischen 2000 und 2021 finanzierte China Entwicklungsprojekte im geschätzten Umfang von 1,5 Bio. USD, davon rund 85 % in Form von Krediten statt klassischer Entwicklungshilfe. Damit wurde Peking zum größten offiziellen Gläubiger der Schwellenländer.
Im Vergleich dazu blieb die US-Auslandshilfe – die im Durchschnitt etwa 1 % des Bundeshaushalts ausmacht – weitgehend konstant, konnte mit der Inflation kaum Schritt halten und wurde während der zweiten Trump-Regierung sogar gekürzt.
So konnte sich China als faktisch einzige Alternative positionieren. Laut der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IDB) liegt das jährliche Infrastrukturdefizit Lateinamerikas bis 2030 bei rund 180 Mrd. USD – eine gewaltige Lücke. Michael Cunningham von der Heritage Foundation brachte es im vergangenen Jahr auf den Punkt: „Es ist nicht so, dass Washington [Lateinamerika] eine bessere Alternative angeboten hätte … Der Infrastrukturbedarf der Region ließ keine anderen Möglichkeiten zu.“
Chinas Militär- und Sicherheitspräsenz
Der Handel ist dabei nur ein Aspekt dieser Entwicklung. China weitet zunehmend auch seine militärische und sicherheitspolitische Präsenz in der Region aus. Mittlerweile betreibt oder verwaltet Peking mindestens acht Bodenstationen in Lateinamerika – darunter Deep-Space-Tracking-Zentren in Argentinien, Venezuela, Bolivien, Chile und Brasilien. Diese Einrichtungen liefern der Chinesischen Volksbefreiungsarmee globale Telemetriedaten sowie räumliche Echtzeitinformationen.
Im Rahmen der von Präsident Xi Jinping im Jahr 2022 vorgestellten Globalen Sicherheitsinitiative (GSI) hat China seinen Fokus stärker auf innere Sicherheit verlagert. Peking liefert inzwischen taktische Ausrüstung und Systeme zur Gesichtserkennung an Polizeibehörden von Panama bis Ecuador. Von Huawei entwickelte „Safe City“-Netzwerke existieren mittlerweile in über 35 lateinamerikanischen Städten – ausgestattet mit Tausenden von Überwachungskameras und Notrufzentralen, die über chinesische Softwareplattformen gesteuert werden.
Auch die Neue Seidenstraße selbst verwischt zunehmend die Grenzen zwischen ziviler und militärischer Nutzung. So könnte der Tiefseehafen Chancay in Peru künftig eine Rolle in der maritimen Logistik der chinesischen Streitkräfte spielen, während die Raumstation Espacio Lejano im argentinischen Neuquén bereits heute Chinas Fähigkeiten zur Hyperschall- und Satellitenverfolgung unterstützt.
Der Aufstieg des Yuan
Diese Entwicklungen gehen einher mit dem Aufstieg des chinesischen Yuan als internationale Reserve- und Verrechnungswährung. Nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) entfallen inzwischen 8,5 % der weltweiten Transaktionen auf den Yuan – gegenüber 7 % vor drei Jahren. Zum Vergleich: Der Anteil des Britischen Pfunds liegt derzeit bei 10,2 %.
Zwar dominiert der US-Dollar weiterhin mit nahezu 90 % aller globalen Transaktionen, doch der Yuan hat in extrem kurzer Zeit erhebliche Fortschritte erzielt und seinen Anteil am weltweiten Zahlungsverkehr seit 2013 vervierfacht.

Wie The Economist berichtet, sieht die chinesische Führung in dieser Entwicklung „eine historische Chance“. Haushaltsdefizite und politischer Stillstand in den Vereinigten Staaten haben das Vertrauen in den US-Dollar geschwächt, der den schlechtesten Jahresauftakt seit 1973 verzeichnete. Gleichzeitig treibt Peking den auf Yuan lautenden Handel mit seinen Partnerländern entlang der Neuen Seidenstraße gezielt voran.
Dauerhaftes Standbein im globalen Süden
Chinas Strategie reicht längst über reine Infrastrukturprojekte hinaus. Mit der Neuen Seidenstraße als trojanischem Pferd versucht die Volksrepublik, im globalen Süden dauerhaft strategischen Einfluss zu gewinnen.
In der vergangenen Woche kündigte Peking eine weitere Verschärfung der Exportbestimmungen für Seltene Erden an – jene Mineralien, die für die Herstellung von Halbleitern und Verteidigungssystemen unverzichtbar sind. Diese Entscheidung veranlasste Präsident Trump, weitreichende neue Zölle in Aussicht zu stellen.
Parallel dazu kaufte die People’s Bank of China bereits den elften Monat in Folge Gold und setzt damit ihre Bemühungen fort, die chinesische Wirtschaft durch De-Dollarisierung und eine Stärkung der eigenen Reserven gegen US-Sanktionen und Währungsschocks abzusichern.
In ihrer Gesamtheit verdeutlichen diese Schritte Chinas langfristige Ambitionen: der Aufbau eines globalen Netzwerks aus Häfen, Stromnetzen und Schienen, das nicht nur dem Warenverkehr dient, sondern zunehmend auch als Instrument geopolitischer Einflussnahme fungiert.
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