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Ich beschäftige mich seit rund einem Vierteljahrhundert mit dem Thema Inflation (je nach Zählweise), und eines kann ich mit Sicherheit sagen: Wer auf einer Investmentkonferenz eine hitzige Debatte auslösen will, muss lediglich den Begriff „hedonische Anpassung“ im Zusammenhang mit dem Verbraucherpreisindex fallen lassen.
Befeuert durch gezielte Gegenkampagnen von Akteuren, die ihre eigene Interpretation von Inflation und ihre bevorzugten Inflationsmaße etablieren möchten, wird die hedonische Anpassung insbesondere von Vertretern der These, „der Staat rechne die Inflation schön“, gerne als vermeintlicher Beleg angeführt.
Das grundlegende Missverständnis besteht darin, dass viele offenbar davon ausgehen, der VPI solle abbilden, wie sich ihre tatsächlichen jährlichen Barausgaben entwickeln. Genau das ist jedoch nicht sein Zweck. Der Preis eines Produkts steht vielmehr für einen Tausch: Der Anbieter sagt, gib mir X Dollar, und dafür erhältst du ein Gerät, das dein Haus in sechs Stunden streicht. Erscheint dir dieser Tausch nicht angemessen, entscheidest du dich gegen den Kauf.
Produkte bleiben jedoch nicht konstant. Kann derselbe Anbieter dank technologischer Fortschritte nun ein Gerät liefern, das dein Haus in drei Stunden streicht und Y Dollar kostet, stehst du als Käufer erneut vor derselben Entscheidung - nur geht es jetzt um drei Stunden Arbeit für Y Dollar statt sechs Stunden für X Dollar. Um zu beurteilen, wie sich dieser Tausch verändert hat, reicht ein reiner Vergleich von Y und X folglich nicht aus.
Dabei muss stets auch die andere Seite des Tauschs berücksichtigt werden. Anders formuliert: Die Preisdifferenz (Y-X) erklärt sich nicht allein daraus, dass der Dollar heute weniger wert ist als früher - was bedeuten würde, dass selbst die alte Version inzwischen X’ kosten würde -, sondern ebenso daraus, dass sich das Produkt qualitativ verbessert hat. Aus Sicht des Verbrauchers ergibt sich der Preisanstieg von X auf Y somit aus zwei Komponenten: der Inflation (X’-X) und der Qualitätsverbesserung (Y-X’).
An dieser Logik führt kein Weg vorbei. Wer lediglich Veränderungen der Ausgaben messen möchte, sollte genau diese Ausgaben betrachten. Wer hingegen die Entwicklung der Lebenshaltungskosten erfassen will, muss versuchen, den Lebensstandard zwischen zwei Messzeitpunkten konstant zu halten.
Jede Inflationsmessung steht daher vor der gleichen Herausforderung: Sie muss berücksichtigen, dass sich Produkte im Zeitverlauf verändern - andernfalls würde die Inflation systematisch überschätzt.
Viele dieser Anpassungen sind vergleichsweise unkompliziert. Wird ein Schokoriegel um 20 Prozent kleiner, lässt sich die daraus resultierende zusätzliche Inflation problemlos erfassen. In der Praxis werden solche Korrekturen meist schlicht als „Qualitätsanpassungen“ bezeichnet. Von einer „hedonischen“ Anpassung spricht man erst dann, wenn ein Produkt aus einer Vielzahl unterschiedlicher, wertstiftender Merkmale besteht.
Ein Auto ist hierfür ein naheliegendes Beispiel: Eine höhere Kraftstoffeffizienz stellt ebenso einen Mehrwert dar wie ein moderneres Infotainmentsystem. Verändert sich der Preis eines Fahrzeugs, wird es deutlich schwieriger zu bestimmen, welcher Teil dieser Veränderung auf Inflation zurückzuführen ist - also auf mehr Geld für dasselbe Produkt - und welcher auf veränderte Eigenschaften. An dieser Stelle kommt der Ökonometriker ins Spiel, der mithilfe anspruchsvoller mathematischer Verfahren arbeitet, wenig überraschend als „hedonische Regression“ bezeichnet.
Nahezu der gesamte Warenkorb im VPI unterliegt bei Bedarf einer Qualitätsanpassung. Diese Anpassungen sind - wie dargelegt - notwendig. Tatsächlich wird jedoch nur ein vergleichsweise kleiner Teil des Warenkorbs mithilfe hedonischer Regressionen korrigiert.
Doch auch damit ist das Bild noch nicht vollständig. Häufig wird argumentiert, hedonische Anpassungen ließen insbesondere die Preise von Computern sinken, obwohl diese nominal unverändert geblieben oder sogar gestiegen seien - für viele ein vermeintlicher Beleg dafür, dass die tatsächliche Inflation höher liege als offiziell ausgewiesen. Auffällig ist jedoch, dass sich kaum jemand über hedonische Anpassungen im Bereich Wohnen beschwert.
Dabei berücksichtigt das Statistikamt, dass der Wohnungsbestand im Zeitverlauf altert. Wird von Jahr zu Jahr dieselbe Miete gezahlt, gilt dies rechnerisch als Inflation, da faktisch eine etwas ältere Wohnung genutzt wird. Der entscheidende Punkt dabei ist: Die aufwärtsgerichtete hedonische Anpassung bei den Wohnkosten kompensiert die abwärtsgerichteten Anpassungen bei Computern, Mikrowellen und vergleichbaren Gütern nahezu vollständig. Anders ausgedrückt:
Selbst ein vollständiger Verzicht auf hedonische Anpassungen hätte kaum Auswirkungen auf den VPI. Eine Studie von Johnson, Reed und Stewart aus dem Jahr 2006 kommt zu dem Ergebnis, dass der „Nettoeffekt hedonischer Anpassungen ab 1999 … auf weniger als ein Hundertstel Prozent pro Jahr geschätzt wird, konkret auf +0,005 Prozent“.
Unterm Strich gilt daher: Über hedonische Anpassungen wird aus demselben Grund geschimpft wie über Schiedsrichter - wenn einem das Ergebnis nicht gefällt, braucht man jemanden, dem man die Schuld geben kann.
Bleibt die Frage, ob hedonische Anpassungen „richtig“ sind. Erfassen sie also tatsächlich korrekt, welcher Teil einer Preisveränderung auf Inflation und welcher auf Qualitätsveränderungen zurückzuführen ist? Mit großer Sicherheit lässt sich sagen: exakt sind sie nicht. Es handelt sich um Schätzungen - und nahezu jedes Finanzmodell basiert auf Schätzungen.
Auch das Black-Scholes-Modell zur Bewertung von Optionen ist nicht korrekt - und wir wissen sogar, dass es nicht nur ungenau, sondern in systematischer Weise falsch ist. Dennoch wird es weiterhin verwendet, weil seine Schwächen bekannt sind und sich in der Praxis entsprechend berücksichtigen lassen.
Ähnlich verhält es sich mit hedonischen Anpassungen. Auch sie sind nicht „richtig“ im strengen Sinn, stellen aber einen fairen und praktikablen Ansatz dar. Wer den VPI „bereinigen“ möchte, indem er ausschließlich die inflationsdämpfenden hedonischen Effekte entfernt, gleichzeitig aber die aufwärtsgerichteten Anpassungen - etwa bei den Wohnkosten - beibehält, kann rechnerisch schlicht rund 0,10 Prozentpunkte pro Jahr zur Inflationsrate addieren. So oder so gilt: Es gibt keinen sachlichen Grund, sich darüber aufzuregen.
[1] Johnson, D.S., S.B. Reed und K.J. Stewart (2006): „Price Measurement in the United States: a Decade After the Boskin Report“, Monthly Labor Review (Mai), S. 10-19.
[2] Ein zentrales Problem besteht darin, dass tatsächliche Marktbewegungen nicht normalverteilt sind, während das Black-Scholes-Modell genau dies unterstellt. In der Folge werden weit aus dem Geld liegende Optionen systematisch zu niedrig bewertet - ein Effekt, der in der Praxis durch die Anwendung einer sogenannten Volatilitäts-Smile korrigiert wird.

