Politische Strukturbrüche und wie gelassen die Börsen darauf reagieren

Veröffentlicht am 13.01.2026, 15:18

Die Venezuela-Aktion oder der klare Anspruch auf Grönland zeigen, dass US-Präsident Donald Trump sich wenig um internationale Regeln oder gar das Völkerrecht kümmert. Und seine Angriffe auf die Unabhängigkeit der Fed zeigen, dass er selbst vor der bedeutendsten Finanzinstitution der Welt nicht Halt macht. Leider macht auch Europa wirtschafts- und geopolitisch keine bella figura. Warum scheint das den Börsen nicht wirklich zu schaden?

Die Donroe Doktrin

In Südamerika duldet Amerika keine sozialistischen Regime mehr, die sich Amerika mit Unterstützung der beiden großen Rivalen China und Russland in den Weg stellen. US-Druck erfährt zudem der Iran. Ein geschwächtes oder gar endendes Mullah-Regime würden die Verbündeten in Moskau und Peking hart treffen und einen großen Feind Amerikas vom geopolitischen Spielfeld nehmen. 

Nicht zuletzt soll Grönland nicht in fremde Hände geraten. Den USA geht es um geostrategische Sicherheit in seiner Nachbarschaft sowie um die Sicherung von Öl und Rohstoffen. So verliert Russlands Rohstoffreichtum an Bedeutung und wird Chinas Monopol bei Seltenen Erden gemildert. Der amerikanische Weißkopfseeadler soll wieder die geopolitischen Lüfte beherrschen.

Auch innenpolitisch scheint Trump sich an ein Zitat von Konrad Adenauer zu halten: „Die einen kennen mich, die anderen können mich“. Sollte der Oberste Gerichtshof seinen ursprünglichen Zoll-Weg versperren, wird er sicher eine Alternativroute finden. Mit der Strafverfolgung gegen Fed-Chef Powell wegen zu hoher Umbaukosten der Notenbankzentrale als Vorwand gegen die Unabhängigkeit der US-Notenbank zeigt er ebenso harte Kante. Was hätten wohl erst die Verantwortlichen von Stuttgart 21, der Elbphilharmonie oder des Berliner Flughafens zu befürchten? Die überbordenden Kosten von Trumps Ballsaals werden dagegen nicht thematisiert.

Während in Amerika Hamlet aufgeführt wird, spielen wir immer noch Kasperle-Theater 

Europa und Deutschland pochen jetzt auf das Völkerrecht. Wirklich entgegenzusetzen hat Europa allerdings wenig bis nichts. Nur mit der Illusion einer sehr bequemen, oft hasenfüßigen und selbstgerechten Rolle als Moralweltmeister ist man bestenfalls nur ein Papiertiger.  

Um geopolitischen Einfluss zu haben, muss man geschlossen auftreten und wirtschaftlich erfolgreich sein. Doch werden immer noch zu viele nationale Süppchen gekocht und schlägt Brüsseler Ideologie immer noch oft wirtschaftliche Vernunft. 

Auch Einzelstaaten fehlt es an Mumm. In Deutschland fanden die letzten echten Strukturreformen vor über 20 Jahren statt. Anstatt sich um die Verhinderung von Pleiten im deutschen Mittelstand zu kümmern, wird gerne Klassenkampf betrieben. Und Stromausfälle in der Bundeshauptstadt wie in einem Entwicklungsland zeugen von den buchstäblichen Schwächen der deutschen Infrastruktur.  

Warum sind die Finanzmärkte so entspannt?

Diese Hintergründe sind zunächst kein Empfehlungsschreiben für Aktien. Doch analysieren die Märkte diese Entwicklungen mit eiskalter Nüchternheit. Für sie geht es nicht um Moral wie bei Politikern, sondern, welche Auswirkungen sie auf die wirtschaftlichen Rahmendaten haben. 

Die Börse gewichtet ebenfalls die pekuniären Vorteile einer von Trump „erzwungenen Befriedung“ von Krisenregionen. Wenn sich die Gemengelagen in Venezuela oder dem Iran „demokratisieren“, ist das längerfristig positiv für die Versorgung mit Öl, senkt auch seinen Preis und stützt das weltweite Wirtschaftswachstum. Ähnlich positiv sieht die Börse das Thema Grönland, falls sich die Verfügbarkeit von Seltenen Erden verbessert.

Trumps unverhohlener Angriff auf die Unabhängigkeit der Fed stößt zurecht sauer auf. Kein noch so sendungsbewusster Politiker darf Zugriff auf die Geldpolitik haben. Einerseits, käme es zu mehr Inflationstoleranz und mehr Finanzierung der markanten US-Staatsverschuldung durch die Notenpresse, wird der Anlegerdrang nach Edelmetallen noch kräftiger ausfallen.  

Andererseits werden Zinssenkungen und die Verhinderung von Finanzkrisen die Attraktivität von Aktien konjunktur- und bewertungsseitig stärken und die Anlegergemüter beschwichtigen. Tatsächlich, trotz aller Kritik wird Amerika auch 2026 im Vergleich zu Deutschland kräftig wachsen.

Die geopolitische und Standortschwäche Europas und speziell Deutschlands scheint ihren Aktienmärkten ebenso nicht zu schaden. Miseren auf heimischen Wirtschaftsstandorten spielen für international aktive Unternehmen keine große Rolle mehr. Man ist international unterwegs und profitiert von der Aussicht auf weltkonjunkturelle Besserung, was insbesondere deutschen Zyklikern zugutekommt. Vor diesem Hintergrund strahlen US-Tech-Werte zwar noch, aber sie überstrahlen nicht mehr alles andere. Deutsche Konjunkturwerte bieten gute Alternativen.     

Schließlich rücken die Schwellenländer immer mehr in den Anlegerfokus. Sie betreiben eine ruhige, aber konsequent gute Wirtschaftspolitik, die damit auch Auffangbecken für zwischenzeitliche „Trumpeleien“ ist. 

Insgesamt sollten sich Anleger nicht durch politische Strukturbrüche ins Boxhorn jagen lassen. Ebenso sollte der Moralbegriff nicht überbetont werden. Moral ist allgemein sicher eine sehr gute Sache, an der Börse, wo es um Rendite und Gewinn geht, hat sie aber nichts zu suchen. Die Börse ist ein kalter Christ. 

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG

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