Powells Gratwanderung: Fed hält Leitzins nahe neutraler Obergrenze

Veröffentlicht am 29.01.2026, 07:46

Die Fed beließ ihre Geldpolitik unverändert und hielt die Leitzinsen in einer Spanne von 3,5 % bis 3,75 %. Sowohl die begleitende Stellungnahme als auch die anschließende Pressekonferenz deuteten jedoch darauf hin, dass die Notenbank zunehmend davon ausgeht, dass sich der Zyklus der geldpolitischen Lockerung seinem Ende nähert. In der Folge erhielten US-Treasuries sowie der US-Dollar vorübergehend Unterstützung. Gleichwohl dürften beide Anlageklassen in den kommenden Monaten weiteren Belastungs- und Bewährungstests ausgesetzt bleiben.

Keine Änderung der Zinssätze – mit lediglich zwei Gegenstimmen

Die Federal Reserve hat die Leitzinsen wie erwartet mit 10:2 Stimmen unverändert belassen. Die beiden Gouverneure Stephen Miran und Christopher Waller votierten – wie von uns antizipiert – für eine Senkung um 25 Basispunkte. Für Stephen Miran war dies zugleich die letzte Fed-Sitzung, da seine Amtszeit am Samstag endet.

Der Name von Christopher Waller war zuletzt zwar im Zusammenhang mit dem Amt des Fed-Vorsitzenden gefallen, doch scheint er das Rennen ebenso wie Rick Rieder gegen Kevin Warsh verloren zu haben.

Inhaltlich lag der Schwerpunkt der Sitzung weniger auf dem Zinsentscheid selbst als auf dem leicht hawkischen Ton der begleitenden Erklärung und der Pressekonferenz. Während Fed-Vertreter auf der FOMC-Sitzung im Dezember noch betont hatten, dass „die Abwärtsrisiken für die Beschäftigung in den vergangenen Monaten zugenommen haben“, wurde diese Passage diesmal gestrichen. Stattdessen bezeichnete die Fed das Wirtschaftswachstum als „solide“, während bei der Arbeitslosenquote „einige Anzeichen einer Stabilisierung“ festgestellt wurden.

Auf der Pressekonferenz räumte der Fed-Vorsitzende Jerome Powell zwar weiterhin pandemiebedingte Datenverzerrungen ein, verwies jedoch zugleich darauf, dass sich die Wachstumsaussichten in den vergangenen Monaten verbessert hätten.

Oberes Ende der Leitzinszielspanne (%) - implizite Markterwartungen für 2026

Fed Funds - obere Zielrate
Quelle: Macrobond, ING

Einschätzung des Wachstums: Optimistischer

Auf dieser Sitzung wurden keine neuen Projektionen veröffentlicht. Nach Aussage des Fed-Vorsitzenden Jerome Powell wären aktualisierte Prognosen jedoch höher ausgefallen als im Dezember. Damals hatte die Fed das BIP-Wachstum für das vierte Quartal 2026 gegenüber dem Vorjahr von 1,8 % auf 2,3 % angehoben. Gleichzeitig ging sie davon aus, dass die Arbeitslosendquote in diesem Jahr bei 4,4 % und der PCE-Kerndeflator bei 2,5 % liegen würde.

Vor diesem Hintergrund hielt die Fed nur eine weitere Zinssenkung in diesem Jahr für den angemessensten geldpolitischen Kurs. Die jüngste Bloomberg-Konsensumfrage signalisiert ein BIP-Wachstum von 2,1 %, eine Arbeitslosenquote von 4,4 % sowie einen Kern-PCE-Deflator von 2,5 % – und liegt damit weitgehend auf Linie mit den Einschätzungen der Fed.

Dennoch rechnen die meisten Ökonomen – darunter auch die ING – mit mehr als zwei Zinssenkungen, während der Markt derzeit 46 Basispunkte einpreist.

Wir erwarten zwei weitere Zinssenkungen

Was unsere Einschätzung der Fed betrifft, sehen wir die Geldpolitik weiterhin als leicht restriktiv an. Jerome Powell deutete an, dass sich das aktuelle Zinsniveau am oberen Rand dessen bewegt, was noch als neutral gelten könnte. Trotz insgesamt solider Wachstumsaussichten gehen wir davon aus, dass die Fed in der Lage sein wird, ihre Politik angesichts eines sich abschächenden Arbeitsmarktes näher an die Mitte der neutralen Spanne heranzuführen. In diesem Zusammenhang ist Powells Hinweis aus dem Dezember relevant, wonach das Bureau of Labor Statistics die monatliche Schaffung von Arbeitsplätzen um rund 60.000 Stellen überschätzt – was impliziert, dass die Beschäftigungsdynamik faktisch stagniert.

Gleichzeitig bestätigen die jüngsten Inflationsdaten, dass die Zölle bislang nicht die unmittelbaren Preiseffekte entfaltet haben, die vielfach befürchtet worden waren. Das schließt nicht aus, dass sich dieser Einfluss mit Verzögerung noch bemerkbar machen könnte. Dass sich der Effekt jedoch nur langsam durchsetzt, eröffnet Spielraum für gegenläufige dämpfende Faktoren wie sinkende Energiekosten, nachlassende Wohnungsmieten und ein moderateres Lohnwachstum. Diese könnten die Inflation weiter abschwächen und einen zusätzlichen Rückgang in Richtung 2 % ermöglichen. Powell betonte erneut, dass aus seiner Sicht der Großteil der zollbedingten Effekte bereits abgeklungen sei. Daraus schließen wir, dass der Fed unter Risikoabwägungsgesichtspunkten weiterhin Raum für zwei weitere Zinssenkungen bleibt.

Auf Fragen zu seiner persönlichen Zukunft erklärte Powell, er habe bislang keine konkreten Pläne. Zwar endet seine Amtszeit als Fed-Vorsitzender am 15. Mai, als stimmberechtigtes Mitglied im FOMC könnte er jedoch bis zum 31. Januar 2028 im Amt bleiben. Diese Möglichkeit hatte Donald Trump zuletzt bereits thematisiert und in der vergangenen Woche mit den Worten kommentiert: „Wenn das passiert, wird sein Leben nicht besonders erfreulich sein, denke ich.“

Börsenkurse wittern weiteres Aufwärtspotenzial

Die Zinskurve verschob sich leicht nach oben, nachdem die Erklärung des Federal Open Market Committee (FOMC) insgesamt etwas weniger negativ ausfiel als zuvor. Die anschließenden Aussagen von Jerome Powell bestätigten zudem die Marktauffassung, dass Zinssenkungen zumindest kurzfristig nicht auf der Agenda stehen.

Im Wochenverlauf stieg die Rendite der 10-jährigen US-Treasuries von rund 4,2 % am Montag auf etwa 4,25 % nach der FOMC-Sitzung und verharrte anschließend auf diesem erhöhten Niveau. Vor dem Hintergrund der Devisenmarktinterventionen in Japan sowie der von Donald Trump forcierten USD-Schwäche war es eine ausgesprochen ereignisreiche Woche für USD-Anlagen. Kombiniert man diese Faktoren mit der Unsicherheit rund um eine abwartende Fed, die angesichts weniger negativer makroökonomischer Signale vorerst stillhält, spricht dies für einen nachhaltigeren Aufwärtsdruck bei den Marktzinsen.

Auf der Liquiditätsseite gab es hingegen keine Änderungen: Die Politik des Ankaufs von T-Bills sowie von dreijährigen US-Staatsanleihen blieb unverändert – was angesichts der jüngsten Daten auch erforderlich war. Diese zeigen erneut Nettokäufe am Anleihemarkt, die selbst den Abverkauf von MBS-Papieren überlagern.

Die Repo-Volatilität hat sich zuletzt zwar beruhigt, der effektive Geldmarktsatz bleibt jedoch erhöht. Er liegt aktuell nur noch einen Basispunkt unter dem Zinssatz für Überschussreserven, nachdem dieser Abstand zuvor sieben Basispunkte betragen hatte. Für sich genommen ist das nicht dramatisch. In der Gesamtschau ergibt sich jedoch ein weniger komfortables Liquiditätsbild – und genau dieses war letztlich der Auslöser für die Entscheidung, erneut T-Bills zu kaufen.

Der wilde Ritt des US-Dollars geht weiter

Der volatile Kursverlauf des US-Dollars setzt sich fort, nachdem die US-Währung im Anschluss an die Bestätigung einer stabilen Fed-Politik zunächst wieder etwas an Boden gewinnen konnte. Der Großteil der Gegenbewegung auf den jüngsten USD-Abwärtstrend hatte jedoch bereits früher am Tag eingesetzt, als US-Finanzminister Scott Bessent erklärte, die USA seien „absolut nicht“ an etwaigen USD/JPY-Devisenmarktinterventionen beteiligt gewesen. Diese Aussage nahm der These, die Regierung verfolge eine bewusst schwächere Dollarpolitik im Sinne von Mar-a-Lago, spürbar den Wind aus den Segeln.

Zu Beginn der vergangenen Woche waren viele Investoren noch davon ausgegangen, dass der USD weiteres Abwärtspotenzial habe, und hatten entsprechend umfangreiche Absicherungen gegen Kursverluste aufgebaut. Wir hatten zwar erwartet, dass die FOMC-Sitzung ein leicht hawkisches Signal für den USD liefern könnte, zugleich jedoch die Sorge, dass dieses Signal von der vorherrschenden negativen Marktstimmung überlagert würde.

Letztlich reagierte der USD jedoch stärker auf die konsistenten Aussagen der Fed und das Fehlen konkreter Hinweise auf eine bevorstehende Zinssenkung. Um den USD-Pessimismus vollständig aufzulösen, wäre allerdings ein Schlusskurs des DXY-Index oberhalb des Gaps bei 97,43 sowie ein Rückgang von EUR/USD unter 1,1834 erforderlich.

In den kommenden Tagen dürfte sich zeigen, ob Marktteilnehmer weiterhin davon ausgehen, dass der USD nachgeben muss und jede Erholung zunächst als Verkaufsgelegenheit betrachtet wird. Die fundamentale Lage der US-Währung hat sich jedenfalls nicht signifikant verschlechtert. Entscheidend wird sein, ob Investoren und Unternehmen – im Einklang mit den starken Bewegungen am Devisenoptionsmarkt – das Bedürfnis verspüren, ihre USD-Hedgequoten weiter zu erhöhen.

Neue Impulse dürften dabei von den anstehenden US-Konjunkturdaten, der jüngsten Entscheidung von Donald Trump zur Fed-Vorsitzfrage sowie von der Frage ausgehen, ob die vorgezogenen Wahlen in Japan am 8. Februar zusätzlichen Druck auf den Yen und japanische Staatsanleihen auslösen.

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