Die beste KI-Aktie im März (+46% in 3 Wochen)
Der Ölpreis zieht wieder an - und mit ihm wächst das Risiko, dass sich der Inflationsrückgang als weniger nachhaltig erweist als von den Märkten erhofft.
Nach den US-Militärschlägen gegen den Iran sprang der Preis der Sorte Brent deutlich an und überschritt im asiatischen Handel zwischenzeitlich die Marke von 82 USD je Barrel. Im weiteren Verlauf pendelte er sich bei rund 78 USD ein - ein Plus von etwa 7 % innerhalb nur einer Sitzung. Damit rückt das Thema Energie erneut ins Zentrum der makroökonomischen Debatte, just zu einem Zeitpunkt, als viele Investoren begannen, auf eine allmähliche Entspannung im Inflationszyklus zu setzen.
Zwar sind in mehreren großen Volkswirtschaften Fortschritte bei der Inflationsbekämpfung sichtbar, abgeschlossen ist dieser Prozess jedoch nicht. Im Vereinigten Königreich liegt die Teuerung weiterhin über dem Zielwert der Bank of England von 2 %, insbesondere die Dienstleistungsinflation zeigt sich hartnäckig. Die BoE geht davon aus, dass ein Anstieg des Brent-Preises um 10 % den Verbraucherpreisindex typischerweise um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte erhöhen kann. Eine anhaltende Bewegung in der aktuellen Größenordnung hätte somit spürbare Auswirkungen - vor allem dann, wenn sich Zweitrundeneffekte in den Inflationserwartungen verankern.
Auch die Vereinigten Staaten reagieren sensibel auf steigende Energiepreise. Kraftstoffkosten besitzen sowohl wirtschaftlich als auch politisch erhebliches Gewicht. Benzinpreise beeinflussen die Verbraucherstimmung, prägen die Inflationswahrnehmung und wirken sich unmittelbar auf das Ausgabeverhalten aus. Sollte der Rohölpreis in Richtung 90 oder gar 100 USD steigen, würde es zunehmend schwieriger, diesen Effekt durch andere Komponenten des Warenkorbs zu kompensieren.
Zwar werden Kerninflationsraten ohne Lebensmittel- und Energiepreise berechnet, doch Preissteigerungen bei Öl bleiben selten auf die Energiekomponente begrenzt. Höhere Frachtkosten, steigende Ausgaben für Flugbenzin und zunehmende Vertriebskosten belasten die Lieferketten. Produzenten sehen sich mit höheren Vorleistungspreisen konfrontiert. Unternehmen reagieren in der Regel zweigleisig - sie absorbieren einen Teil der Belastung über die Margen und geben einen Teil über höhere Preise weiter.
Der Euroraum hatte in den vergangenen Quartalen von rückläufigen Energiepreisen profitiert, was zur Abschwächung der Gesamtinflation beitrug und Erwartungen an geldpolitische Lockerungen durch die Europäische Zentralbank nährte. Eine Trendwende beim Ölpreis würde dieses Bild verkomplizieren. Europa bleibt strukturell stark von Energieimporten abhängig, während die zunehmenden Spannungen im Nahen Osten das Angebot verknappen und die Volatilität erhöhen. Sollte sich der Ölpreis auf erhöhtem Niveau stabilisieren, könnte der Inflationsrückgang in der Eurozone ins Stocken geraten.
Auch Australien bleibt davon nicht unberührt. Die Inflation liegt weiterhin über dem Zielkorridor der Reserve Bank of Australia von 2-3 %. Kraftstoff- und Transportkosten sind für Haushalte besonders sichtbar und spürbar. Ein anhaltender Anstieg der Rohölpreise dürfte sich entsprechend direkt in den nationalen Inflationsdaten niederschlagen und den Zeitpunkt nach hinten verschieben, zu dem die Währungshüter eine Lockerung der Geldpolitik für vertretbar halten.
Neben der unmittelbaren Wirkung auf die Verbraucherpreisindizes spielt die Verhaltensdimension eine zentrale Rolle. Inflation wird nicht nur von aktuellen Preisen bestimmt, sondern ebenso stark von Erwartungen. Rechnen Unternehmen mit dauerhaft höheren Inputkosten, passen sie ihre Preisstrategien frühzeitig an. Erwarten Haushalte weiter steigende Lebenshaltungskosten, nehmen die Lohnforderungen zu. Solche Zweitrundeneffekte können den Inflationsdruck aufrechterhalten - selbst wenn der ursprüngliche Energieschock bereits nachlässt.
Hinzu kommt die geopolitische Komponente. Rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Rohöls passiert die Straße von Hormus. Jede Eskalation erhöht die wahrgenommene Wahrscheinlichkeit von Lieferunterbrechungen. Die Märkte warten nicht auf tatsächliche Engpässe, bevor sie Risiken neu bewerten. Versicherungskosten steigen, Transportwege werden angepasst und die Terminkurven versteilern sich, weil Händler geopolitische Prämien in die Benchmark-Preise einpreisen.
Eine energiegetriebene Inflation schränkt zudem die geldpolitische Flexibilität ein. Notenbanken könnten zögern, angesichts eines erneuten externen Preisschubs Lockerungen vorzunehmen. Mit steigenden Ölpreisen nehmen die Erwartungen an Zinssenkungen tendenziell ab, da Preissteigerungen bei einem Rohstoff mit breiter volkswirtschaftlicher Wirkung nicht ignoriert werden können. Die Zentralbanken stehen vor der Abwägung zwischen Wachstumsstützung und der Wahrung ihrer inflationspolitischen Glaubwürdigkeit.
An den Aktienmärkten wird die jüngste Bewegung bislang eher als kontrollierbarer Ausreißer nach oben interpretiert. Die Bewertungen spiegeln weiterhin die Annahme stabiler Inputkosten und einer graduellen Disinflation wider. Sollte der Rohölpreis jedoch dauerhaft höher notieren, wären Abwärtsanpassungen bei den Gewinnprognosen kaum zu vermeiden - insbesondere in transportintensiven, industriellen und konsumnahen Sektoren.
Die Inflation war zuletzt rückläufig, wenn auch nicht einheitlich. Ein anhaltender Anstieg des Ölpreises droht diesen Trend zu unterbrechen. Historisch haben Energieschocks Straffungszyklen verlängert und geldpolitische Lockerungen verzögert. Steigt Rohöl weiter, dürfte die Gesamtinflation folgen - mit geringerem Spielraum für die Zentralbanken und einem anspruchsvolleren makroökonomischen Umfeld für Anleger, als derzeit vielerorts eingepreist ist.
