Leonardo-Aktie: Jetzt Kauf? Analysten sehen Potenzial
In den vergangenen zwei Wochen haben wir uns mit einer zentralen Frage beschäftigt: Wenn die Daten zunehmend auf Schwäche hindeuten, warum ist die Rezession noch nicht eingetreten? In unserem Beitrag "Slowdown-Signale: Blinken die Frühindikatoren rot?" haben wir die Risse beleuchtet, die sich unter der Oberfläche der Wirtschaft auftun. Von der Verschlechterung der Frühindikatoren über straffere Kreditvergaben bis hin zu rückläufigen Beschäftigungszahlen deuteten viele Signale auf Zurückhaltung hin.
Im darauffolgenden Artikel "Wo bleibt die Rezession, von der alle sprechen?" sind wir der Diskrepanz zwischen diesen negativen Entwicklungen und der scheinbaren Widerstandskraft des Marktes nachgegangen. Das konjunkturelle Risiko ist keineswegs verschwunden – doch der Zeitpunkt eines möglichen Abschwungs hat sich stärker in die Zukunft verschoben, als die meisten erwartet hatten.
Der Tenor beider Beiträge war klar und analytisch: Die Wirtschaft ist weiterhin verwundbar. Führende Indikatoren – vom LEI des Conference Board bis zum ISM-Index für das verarbeitende Gewerbe – senden deutliche Warnsignale. Die Kreditbedingungen bleiben angespannt, die Zahlungsausfälle nehmen zu, und selbst die auf den ersten Blick robuste Beschäftigung zeigt in zinssensitiven Bereichen bereits deutliche Schwächespuren.

Der Verbraucher, der lange Zeit das Rückgrat der Erholung nach der Pandemie bildete, zeigt inzwischen erste Ermüdungserscheinungen. Die überschüssigen Ersparnisse sind weitgehend aufgebraucht, die Auslastung der Kreditkartenlimits nimmt zu, und die Reallohnzuwächse haben deutlich an Tempo verloren. All das sind keine Anzeichen wirtschaftlicher Stärke, sondern typische Merkmale einer spätzyklischen Phase mit zunehmender Verwundbarkeit.

Kommt jetzt die wirtschaftliche Wiederbelebung?
Auch wenn der Konsens weiterhin vorsichtig bleibt, gibt es erste – wenn auch noch verhaltene – Anzeichen für eine konjunkturelle Erholung. Dabei geht es nicht darum, bestehende Risiken auszublenden. Entscheidend ist vielmehr zu erkennen, dass eine allmähliche Angleichung der Rahmenbedingungen ausreichen könnte, um die Wirtschaft aus der Phase der Stagnation in ein neues Wachstumsumfeld zu führen.
#1: Die finanziellen Bedingungen haben sich seit Ende letzten Jahres spürbar entspannt. Zwar hält die Fed bislang an einem höheren Leitzinsniveau fest, doch gleichzeitig sind die Anleiherenditen rückläufig, und die Kreditspreads haben sich eingeengt. Die Aktienmärkte haben zugelegt und damit einen Wohlstandseffekt geschaffen, der vor allem den Konsum in den oberen Einkommensschichten stützt – immerhin halten die oberen 10 % der Haushalte rund 87 % des Aktienvermögens. Zudem entfallen derzeit 60 % des gesamten Konsums auf die einkommensstärksten 40 % der Bevölkerung.

#2: Auch der Chicago Fed National Financial Conditions Index signalisiert zunehmenden Optimismus. Seine Entwicklung deutet darauf hin, dass der geldpolitische Druck auf die Wirtschaft nachlässt. Dieser Trend wirkt sowohl für Verbraucher als auch für Unternehmen entlastend und schafft damit die Voraussetzungen für einen möglichen Neustart der Konjunktur.

#3: Die Unterstützung durch den öffentlichen Sektor ist weiterhin stärker, als viele annehmen. Die Bundesausgaben verharren auf einem hohen Niveau; insbesondere Infrastrukturprogramme sowie industriepolitische Subventionen stützen Investitionen in Energie, Fertigung und Technologie. Diese Maßnahmen schlagen direkt auf die Investitionsausgaben der Unternehmen durch.
Der Boom der KI-Investitionen zeigt zudem deutlich, dass die Ausgaben nicht nur bei „Big Tech“, sondern entlang der gesamten industriellen Wertschöpfungskette zunehmen. UBS bezeichnet diesen sich formierenden Investitionszyklus als wichtigen Rückenwind für ein wachstumsstarkes mittleres Zyklusstadium – ein Impuls, der die derzeit nachlassende Dynamik im Konsum auffangen könnte.

#4: Die Dynamik am Arbeitsmarkt ist stabiler, als es die Schlagzeilen vermuten lassen. Zwar ist die Zahl offener Stellen rückläufig, doch die Entlassungszahlen bewegen sich weiterhin auf moderatem Niveau. Gleichzeitig erholt sich das real verfügbare Einkommen allmählich – unterstützt durch eine nachlassende Inflation. Diese Stabilität auf Einkommensseite ermöglicht es den Verbrauchern, trotz steigender Verschuldung weiter zu konsumieren.
Goldman Sachs hebt hervor, dass die Konsumtrends, insbesondere im Dienstleistungssektor, nach wie vor ausreichend robust sind, um das Wachstum zumindest kurzfristig zu stützen. In den nach Wirtschaftsanteilen gewichteten ISM-Umfragen sorgen die Dienstleistungsbereiche – sie machen rund 70 % der Wirtschaft aus – dafür, dass sich der Gesamtindex weiterhin im Expansionsbereich hält.

Und nicht zuletzt gibt es ein Thema, das häufig unterschätzt wird: Datenverzerrungen. In den vergangenen Monaten wurden sowohl die Zahlen zur Lohnsumme als auch zum Bruttoinlandsprodukt deutlich nach oben revidiert. Während die vorläufigen Veröffentlichungen zunächst auf eine starke Abschwächung hindeuteten, zeigten die endgültigen Daten wesentlich mehr Robustheit. Goldman weist darauf hin, dass die aggregierten Wirtschaftsdaten die tatsächliche Aktivität möglicherweise systematisch unterschätzen.
Sollte das zutreffen, müsste sich die Wirtschaft nicht erst von einer Schwächephase erholen – sie könnte in Wahrheit bereits stärker sein, als es der erste Blick vermuten lässt. Gleichzeitig beobachten wir eine Verbesserung im Economic Composite Index, der mehr als 100 Datenpunkte abdeckt, darunter das verarbeitende Gewerbe, den Dienstleistungssektor, Frühindikatoren und weitere konjunkturelle Kennzahlen.

In der Summe garantieren diese Faktoren zwar keine erneute wirtschaftliche Beschleunigung, doch sie liefern durchaus ein stichhaltiges Argument für etwas mehr Zuversicht. Sie deuten darauf hin, dass die Wirtschaft möglicherweise widerstandsfähiger ist, als viele annehmen, und sensibler auf die verbesserten Finanzierungsbedingungen reagiert, als es die pessimistischen Schlagzeilen nahelegen.
Denn trotz aller Risiken ist die Wirtschaft keineswegs am Boden. Die von vielen Ökonomen, Strategen und Marktbeobachtern erwartete Rezession lässt weiterhin auf sich warten. Der S&P 500 setzt seinen Aufwärtstrend fort, die Volatilität bleibt gedämpft, und die Verbraucherausgaben zeigen zwar ein gemischtes Bild, sind aber keineswegs eingebrochen. Auch die Unternehmensgewinne – obgleich in einzelnen Branchen unter Druck – sind insgesamt stabil geblieben und keinesfalls kollabiert.
Diese Kluft zwischen den skeptischen Datenpunkten und dem tatsächlichen Marktverhalten führt zu einer entscheidenden Frage: Könnte der Konsens falschliegen? Was wäre, wenn die Wirtschaft nicht auf eine Kontraktion zusteuert, sondern auf einen erneuten Aufschwung? Das wäre die klassische Contrarian-These – eine wirtschaftliche Erholung, die nicht deshalb relevant ist, weil sie sicher eintritt, sondern weil nur wenige auf dieses Szenario vorbereitet sind.
An den Märkten wiegen Überraschungen oft schwerer als Prognosen. Sollte die Überraschung diesmal in Form eines Aufwärtstrends auftreten, hätte das weitreichende Konsequenzen für Aktienkurse, Anlagestrategien und das Risikomanagement.
Gehen wir dieser Frage nun genauer nach.
Positiv für einen Bullenmarkt: Earnings und Bewertungen
Wenn sich der positive Wachstumstrend verstetigt, dürfte er zum wesentlichen Treiber für steigende Unternehmensgewinne werden – und das ist letztlich der entscheidende Punkt. In einigen Sektoren ist die Aktienrallye den Fundamentaldaten vorausgeeilt; vor allem bei Technologiewerten und zyklischen Konsumtiteln wirken die Bewertungen überhöht. Ohne entsprechendes Gewinnwachstum lassen sie sich kaum rechtfertigen.
Ein wirtschaftlicher Aufschwung könnte diese Ausgangslage jedoch grundlegend verändern. Ein anziehendes nominales BIP würde höhere Umsätze ermöglichen. Gleichzeitig könnten eine Stabilisierung der Kostenstrukturen und ein verbesserter operativer Leverage die Margen stützen. Steigen die Umsätze, hätten die Analysten zudem Spielraum, ihre Gewinnschätzungen nach oben anzupassen.
UBS geht davon aus, dass ein stärkeres Wirtschaftswachstum bis 2026 zu einem deutlich höheren Gewinnwachstum führen dürfte.


Dieser Zusammenhang ist vor dem Hintergrund der aktuellen Marktstruktur besonders relevant. Ein großer Teil der diesjährigen Performance wurde von nur wenigen Mega-Caps getragen. Eine breitere Ertragsbelebung, getragen von einer wirtschaftlichen Wiederbelebung, könnte die Rallye auf deutlich mehr Schultern verteilen. Zumindest in der Theorie würde eine zunehmende Marktbreite die Volatilität dämpfen und die Kurs-Gewinn-Verhältnisse auf ein tragfähigeres Niveau bringen.
Wie wir allerdings bereits festgehalten haben, erlebten wir in den Jahren 2020 und 2021 zwar ein starkes Wirtschaftswachstum, doch das Gewinnwachstum konzentrierte sich fast ausschließlich auf die größten Unternehmen. Wie unsere Grafik zeigt, blieb das Gewinnwachstum der übrigen 493 S&P-500-Konstituenten weiterhin verhalten. Die Hoffnung besteht nun darin, dass eine moderate Verbesserung des Wirtschaftswachstums – selbst ohne einen neuen Boom – diesen 493 Unternehmen ein gewisses Gewinnwachstum ermöglichen könnte, sobald der Investitionszyklus im Bereich künstliche Intelligenz greift.
Vielleicht tritt dieses Szenario ein, doch es bleibt ein Risiko für Anleger. Trotzdem bietet die These einer wirtschaftlichen Wiederbelebung – und nicht die Erwartung einer explosiven Expansion – die Chance auf einen stabileren und nachhaltigeren Zyklus, in dem der Rückenwind der Unternehmensgewinne den Bullenmarkt stärker antreiben könnte, als viele derzeit erwarten.
Fazit
Für uns bleibt ein umsichtiges Risikomanagement unverzichtbar. Die Argumente für eine wirtschaftliche Wiederbelebung sind zweifellos plausibel, doch in vielen Bereichen stützen sie sich stark auf den Faktor „Hoffnung“ – die Hoffnung, dass die Verbraucher weiter kräftig konsumieren, dass die Investitionen in künstliche Intelligenz die Risiken einer sinkenden Sparquote ausgleichen und dass die Unternehmensgewinne weiterhin deutlich über ihren langfristigen Wachstumstrends liegen, um die aktuellen Bewertungen zu rechtfertigen. Das ist mit spürbaren Unsicherheiten verbunden.

Dennoch: Auch wenn die Gefahr besteht, dass solche Hoffnungen enttäuscht werden, müssen wir als Anleger die Möglichkeit eines konjunkturellen Wiederaufschwungs ernsthaft in Betracht ziehen. Eine allzu defensive Ausrichtung kann dazu führen, dass Anleger ein zu geringes Aktienengagement halten – und ihnen dadurch erhebliche Opportunitätskosten entstehen. Viele Marktteilnehmer sind weiterhin auf Stagnation oder eine schleichende Verschlechterung der Rahmenbedingungen eingestellt.
Zwar deckt sich diese Positionierung mit den Daten, der Zinsstrukturkurve und historischen Mustern, doch Märkte belohnen selten das, was ohnehin der Konsens ist. Sollte der Konjunkturzyklus tatsächlich wieder anziehen, werden Anleger mit untergewichteten Risikoengagements die Konsequenzen spüren.
Eine strategische Vorbereitung auf eine mögliche Umschichtung erfordert keine vollständige Überzeugung – aber sie verlangt Offenheit. Beobachten Sie die Frühindikatoren auf erste Signale einer Stabilisierung. Achten Sie auf Revisionen bei Ertragszahlen und Unternehmensausblicken. Behalten Sie die Entwicklung der Kreditspreads und der Renditekurve im Blick. Das sind verlässliche Indikatoren.
Die Chance liegt darin, frühzeitig positioniert zu sein, ohne dabei leichtsinnig zu werden. Wenn sich der Wachstumstrend dreht, werden die Earnings folgen – und diese Erträge bilden die Grundlage für nachhaltige Bullenmärkte.
Garantien gibt es nicht. Aber Anleger sollten stets auf verschiedene Szenarien vorbereitet sein.
