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Nach sechs Jahrzehnten als moralischer Kompass der Geschäftswelt hat Warren Buffett seinen Abschiedsbrief verfasst. Es ist ein Text, der weniger auf Finanzratschläge oder Ausblicke zielt, sondern auf Glück, Demut und die Summe eines langen Lebens. Er liest sich wie die letzte Lektion eines Mannes, der die Wirtschaft genauso gründlich studiert hat wie die menschliche Natur.
Mit fünfundneunzig tritt Warren Buffett nun tatsächlich ab. In seinem November-Brief kündigte er an, weder den Jahresbericht von Berkshire Hathaway weiterzuschreiben noch die ausführlichen Frage-Antwort-Runden zu leiten, die seine Amtszeit über Jahrzehnte geprägt haben. Greg Abel übernimmt das Ruder. Statt Erfolge aufzuzählen, nutzte Buffett den Moment, um über Leben, Glück und Sinn nachzudenken – von Kindheitserinnerungen in Omaha bis hin zu seinen Gedanken über Zeit, Charakter und Großzügigkeit.
Die Botschaft traf einen Nerv, weil sie so persönlich wirkt. Buffett behandelte seine Aktionäre immer wie Partner, und dieser letzte Brief trägt den Ton eines echten Abschieds. Er markiert das Ende einer Ära – für Berkshire und für Investoren auf der ganzen Welt.
Die Geschichte aus Omaha
Buffett eröffnet seinen Brief nicht mit Wall Street, sondern mit Omaha - dem Ort, den er bis heute Zuhause nennt. Er erinnert sich an seine beinahe tödliche Blinddarmentzündung im Jahr 1938, an die katholischen Nonnen, die ihn pflegten, und an das Fingerabdruckset, das seine Tante ihm brachte, damit er sich die Zeit vertreiben konnte. Neugier war schon damals sein Motor. Interessant ist, dass er den ersten Abschnitt des Briefes weniger sich selbst widmet als den Menschen um ihn herum. Er erinnert an Nachbarn, die später zu Legenden wurden - allen voran Charlie Munger, sein lebenslanger Partner, Walter Scott, der MidAmerican Energy zu Berkshire brachte und später ein „wertvoller Berkshire-Direktor“ wurde, sowie Don Keough, den späteren Präsidenten von Coca-Cola. Alle lebten nur wenige Häuser voneinander entfernt. Omaha, schreibt er, sei eine kleine Welt gewesen, die große Freundschaften und Werte hervorgebracht habe.
Geografische Verwurzelung spielte für Buffett eine entscheidende Rolle. In Omaha zu bleiben, hielt ihn geerdet und fern vom Getöse New Yorks. Geschäft blieb dort immer auch persönlich, Vertrauen entstand im direkten Austausch. Sein erstes und einziges Haus kaufte er 1958 - keine drei Kilometer von seinem Elternhaus entfernt. Rückblickend ist er überzeugt, dass sowohl Berkshire als auch sein eigenes Leben besser verliefen, weil sie in Omaha verankert blieben. „Durch reinen Zufall“, schreibt er, „zog ich bei meiner Geburt einen lächerlich langen Strohhalm.“ Nur wenige Milliardäre würden ihr Leben so beschreiben - und genau das macht Buffett auch mit fünfundneunzig noch bemerkenswert nahbar.
Der Staffelstab: Greg Abel übernimmt
Der Brief markiert auch den offiziellen Führungswechsel. Buffett bestätigt, dass Greg Abel, derzeit Vizechef für das Nichtversicherungs-Geschäft, künftig an der Spitze von Berkshire Hathaway steht. „Er ist ein großartiger Manager, ein unermüdlicher Arbeiter und ein ehrlicher Kommunikator“, schreibt Buffett knapp. Für Aktionäre wiegt das wie ein formelles Vertrauensvotum.
Abel, ein zweiundsechzigjähriger Kanadier, der über Berkshire Hathaway Energy aufstieg, galt lange als Buffets logischer Nachfolger. Zur Einordnung: Auch er wohnte früher nur wenige Häuser von Buffett entfernt - ohne dass sie sich je begegneten. Buffett erklärt, Abel verstehe die Chancen und Risiken des breit gefächerten Berkshire-Konzerns besser als jeder andere. Er selbst, sagt Buffett bescheiden, habe in vielen Bereichen eine „weit schlechtere“ Detailkenntnis als Abel. Zudem werde Berkshire im kommenden Jahrhundert nur fünf oder sechs Vorstandschefs brauchen - vorausgesetzt, man wähle weiterhin Persönlichkeiten mit Charakter statt Ego, die nicht schon mit 65 ans Aufhören denken.
Buffett geht auch auf seine eigene Rolle als Aktionär ein. Er plant, einen erheblichen Anteil seiner A-Aktien zu behalten, „bis Berkshire-Aktionäre das Vertrauen in Greg entwickelt haben, das Charlie und ich so lange hatten.“ Zugleich gibt er eine nüchterne Einschätzung zu Berkshires Stärken und Grenzen. Entscheidend sei die Widerstandsfähigkeit, nicht der Wettlauf um extremes Wachstum. Berkshire habe „weniger Risiko einer verheerenden Katastrophe als jedes Unternehmen, das [er] kenne“, doch die Größe begrenze das Wachstum. Aktionäre müssten Kursrückgänge von 50 Prozent von Zeit zu Zeit hinnehmen, ohne darin ein Schwächezeichen zu sehen.

Quelle: Charlie Bilello
Mit Abels Ernennung endet ein jahrelanges Rätsel. Anleger fragten sich lange, wer einen Mann beerben könnte, dessen Identität untrennbar mit dem Unternehmen verbunden war. Buffett verlagert die Frage von der Person auf das Prinzip: Entscheidend sei nicht, wer ihm folgt, sondern wie derjenige denkt. Und in diesem Punkt habe Abel „die hohen Erwartungen [Buffetts] mehr als erfüllt.“
Der Bauplan für die Philanthropie
Ein weiterer Schwerpunkt des Briefes ist die Zukunft seines Vermögens. Am Tag der Veröffentlichung wandelte Buffett A-Aktien von Berkshire im Wert von über 1,3 Milliarden US-Dollar in B-Aktien um und spendete sie an vier Familienstiftungen: die Susan Thompson Buffett Foundation, die Sherwood Foundation, die Howard G. Buffett Foundation und die NoVo Foundation. Jede wird von einem seiner drei Kinder oder von Teams geführt, die sie maßgeblich geprägt haben. Diese Stiftungen vergeben jährlich mehr als eine halbe Milliarde US-Dollar.
Buffett erklärt, dass mit fünfundneunzig die Zeit selbst zum Engpass wird. Seine Kinder Howard, Susie und Peter sind nun in ihren Sechzigern und Siebzigern. Er möchte, dass sie genügend Energie und Urteilsvermögen haben, um das philanthropische Werk der Familie fortzuführen, solange er noch lebt. Statt alles einem Testament zu überlassen, gibt er ihnen die Verantwortung schon jetzt. „Es wäre ein Fehler zu wetten, dass alle drei mein außergewöhnliches Glück in verzögerter Alterung teilen“, schreibt er.
Gleichzeitig betont er, dass seine Kinder ihren eigenen Weg gehen sollen. Er habe kein Interesse daran, „aus dem Grab heraus zu regieren“. Ihr Ziel sei nicht Perfektion, sondern Fortschritt - etwas besser zu machen als das, was Regierung oder traditionelle Wohltätigkeit oft erreichen.
Dieser Abschnitt liest sich wie eine Übung in Demut. Buffett gesteht, dass er einst an große philanthropische Systeme dachte, aber lernte, dass die wirksamste Hilfe oft im Stillen stattfindet. Seine Kinder, sagt er, „müssen keine Wunder vollbringen und weder Scheitern noch Enttäuschungen fürchten“. Sie sollen einfach dort helfen, wo sie etwas verbessern können. Genau das spiegelt seine gesamte Philosophie wider: stetige Verbesserung statt Spektakel, Sinn statt Selbstdarstellung.
Im Gegensatz zu vielen Milliardären, die Stiftungen als Monumente ihres Namens errichten, verteilt Buffett Verantwortung breit. Er vertraut auf das Urteilsvermögen seiner Familie und akzeptiert, dass ihr Ansatz von seinem abweichen könnte. Was sie verbindet, ist nicht Selbstdarstellung, sondern Absicht. Zudem unterstreicht die Entscheidung seine Überzeugung, dass Vermögen Verantwortung ist, kein Erbe. „Dynastische Entscheidungen“, warnt er, führten zu Verschwendung und Arroganz. Seine Antwort darauf: früh spenden, breit streuen, die nächste Generation durch Tun lernen lassen.
Vermächtnis und Lebensphilosophie
Auf den letzten Seiten wird Buffett persönlich. Er schreibt, er verdanke sein Leben dem Glück: dem richtigen Ort, der richtigen Zeit, Gesundheit und Chancen. Er nennt „Frau Fortuna“ zutiefst ungerecht und stellt fest, dass viele talentierte Menschen nie dieselben Möglichkeiten bekommen. Das anzuerkennen, sagt er, sollte uns mitfühlender machen - nicht selbstzufrieden.
Er spricht auch offen über das Altern. Sein Körper werde langsamer, seine Sehkraft lasse nach, doch er gehe weiterhin fünf Tage die Woche ins Büro. „Die Zeit besiegt jeden“, sagt er. Dennoch fühle er sich zufrieden. Es gehe ihm nicht mehr um den nächsten Deal, sondern um das Vermächtnis seines Handelns. Sein Rat ist schlicht: aus Fehlern lernen, Vorbilder bewusst wählen und so leben, dass man sein eigenes Nachruf-Porträt gern lesen würde. Größe messe sich nicht an Geld, Ruhm oder Macht. „Freundlichkeit kostet nichts und ist zugleich unbezahlbar.“
Er kritisiert, dass Transparenz bei Managergehältern, eigentlich eingeführt zur Eindämmung von Exzessen, stattdessen Neid geschürt habe. Als Gehälter öffentlich wurden, ersetzte Konkurrenz die Mäßigung. „Neid und Gier gehen Hand in Hand“, schreibt er. Bei der Lektüre seiner Kritik an den extrem hohen CEO-Vergütungen denkt man unweigerlich an Elon Musks jüngst bekanntgewordenes Vergütungspaket, das bei Erreichen aller Ziele bis zu eine Billion Dollar wert sein könnte. Diese Beobachtung fasst Buffetts lebenslange Abneigung gegen Übermaß treffend zusammen.
Der erfolgreichste Investor der Welt schließt mit dem Appell, Amerika für seine Chancen zu danken, den Einfluss des Zufalls anzuerkennen und Dankbarkeit zu üben. Er gesteht viele Fehler ein, sagt aber, die Erfahrungen mit Freunden und Mentoren hätten ihn besser gemacht. Für Buffett wächst Anstand - genau wie Kapital - durch Zinseszins. Sein Brief endet weniger als Abschied an die Aktionäre denn als Anleitung für ein gutes Leben.

Quelle: Berkshire Hathaway
Fazit
Warren Buffetts Abschied markiert den Schlusspunkt eines der außergewöhnlichsten Kapitel des Kapitalismus. Der Brief ist ein letztes Beispiel für Bescheidenheit, Dankbarkeit und Klarheit. Die Zahlen werden sich ändern, die Märkte schwanken, und Berkshire wird volatile Zeiten erleben. Doch Buffetts Lehren und sein Vermächtnis bleiben.
Seine letzte Botschaft ist schlicht und zeitlos: „Wählt eure Helden sorgfältig aus und ahmt sie nach.“ Das klingt wie ein Rat an Investoren, ist aber ein Rat an alle. Sein wirklicher Reichtum liegt nicht in dem, was er anhäufte, sondern in dem, was er die Welt über den sinnvollen Umgang damit lehrte.

