Der perfekte Moment kommt nie: Warum es so schwer ist, Aktien zu kaufen

Veröffentlicht am 03.06.2025, 07:51

Aktien zu kaufen ist nie einfach. Nicht bei Korrekturen. Nicht in der Nähe von Höchstständen. Nicht, wenn die Kurse fallen. Und auch nicht, wenn sie steigen. Schwierig ist es auch, wenn die Bewertungen hoch sind – oder wenn sie niedrig sind. Sie wissen, worauf ich hinauswill: Den perfekten Zeitpunkt, um Aktien zu kaufen, gibt es schlicht nicht.

Vor Kurzem bin ich auf einen hervorragenden Beitrag von Ted Seides gestoßen: „The Hardest Day To Invest Is Always Today“der schwierigste Tag zum Investieren ist immer heute. Und Ted bringt es auf den Punkt: Es gibt immer einen Grund, gerade jetzt nicht in den Markt zu gehen.

„Der heutige Tag ist da keine Ausnahme. Wir sind mit erhöhter Unsicherheit aufgrund von Zöllen, wirtschaftlichen Bedingungen, Bewertungen, der Liquidität des privaten Marktes und einer überwältigenden Zahl von Alternativen konfrontiert. Selbst führende Makrostrategen haben begonnen, die Dauerhaftigkeit des US-Exzeptionalismus in Frage zu stellen. Was soll ein Anleger tun, wenn Aktien, Anleihen und die Alternativen dazu unattraktiv erscheinen?“

Ich sehe das ganz ähnlich. Wenn es um den Kauf von Aktien geht, finden wir immer Gründe, es nicht zu tun. Und die klingen oft ausgesprochen schlüssig – logisch, fundiert, nachvollziehbar. Vor allem, wenn man sich in einer dieser „Echokammern der Negativität“ bewegt, wie sie in vielen Podcasts, Blogs oder klassischen Medien vorkommen – Kanäle, die von der Angst der Anleger leben und auf Klicks setzen.

Ein weit verbreitetes Argument lautet: Hohe Bewertungen schmälern die zukünftigen Renditen. Und ja, die Daten geben dieser Einschätzung recht.

Reale 10 Jahres-Renditen (erwartet)

Allerdings sind die Bewertungen in den letzten 25 Jahren deutlich gestiegen – nicht zuletzt wegen der massiven fiskal- und geldpolitischen Eingriffe der Zentralbanken und Regierungen weltweit.

„Es gibt viele Gründe, warum sich die Bewertungen im Laufe der Jahre nach oben verschoben haben. Dieser Anstieg ist zum Teil auf die wirtschaftliche Expansion, die Globalisierung und die höhere Rentabilität zurückzuführen. Seit der Jahrtausendwende haben jedoch auch Änderungen der Rechnungslegungsvorschriften, Aktienrückkäufe und eine stärkere öffentliche Akzeptanz des Investierens (Thema ETF) zu dieser Verschiebung beigetragen. Darüber hinaus haben die massiven geld- und fiskalpolitischen Interventionen seit der ‚Finanzkrise‘ ein scheinbar ‚risikofreies‘ Umfeld für das Aktienrisiko geschaffen“, heißt es weiter.

Die folgende Grafik macht diese Verschiebung bei den Bewertungen sehr deutlich.

  • Der Median des CAPE-Verhältnisses lag zwischen 1871 und 1980 bei 15,04.

  • Der langfristige Median des CAPE von 1871 bis heute liegt bei 16,52.

  • Seit 1980 liegt der Median hingegen bei 23,70.

Diese Entwicklung zeigt: Was früher als „teuer“ galt, ist heute vielerorts Normalität geworden.

Veränderungen der Bewertungen

Der folgende Chart zeigt die durchschnittlichen jährlichen, inflationsbereinigten Gesamtrenditen (inklusive Dividenden) seit 1928 – trotz der hohen Bewertungen.

Für die Auswertung habe ich die Gesamtrendite-Daten von Aswath Damodaran verwendet, Professor an der Stern School of Business der New York University. Die Abbildung zeigt: Von 1928 bis 2023 erzielte der Markt eine inflationsbereinigte Rendite von 8,45 % pro Jahr.

Bemerkenswert ist dabei: Seit der Finanzkrise 2008 sind die Renditen über verschiedene Zeiträume hinweg im Schnitt um etwa vier Prozentpunkte gestiegen. Mit anderen Worten: Die höchsten jährlichen Renditen wurden ausgerechnet in Phasen hoher Bewertungen erzielt.

Arithmetischer Durchschnitt der realen Gesamtrenditen

Der aktuellste Grund, „keine Aktien zu kaufen“, ist die jüngste Warnung von Ray Dalio: Er sieht die USA am Rande einer Schuldenkrise. Das klingt natürlich alarmierend – aber wie in einem anderen Artikel bereits erwähnt, wären Anleger heute deutlich schlechter dran, hätten sie schon auf Dalios erste Warnung im Jahr 2010 gehört.

Ray Dalio -  Der Crash aufgrund der Staatsverschuldung ist jetzt unvermeidlich

Ja, es gibt immer gute Gründe, keine Aktien zu kaufen. Aber für Anleger hat die Sorge darüber, was passieren könnte, über die Jahre oft mehr Geld gekostet, als investiert zu sein in Zeiten, in denen tatsächlich etwas passiert ist.

S&P 500

Heißt das, wir sollten gar nicht versuchen, das Investitionsrisiko zu reduzieren? Nein, natürlich nicht.

Aktien kaufen – gerade dann, wenn man es am wenigsten will

Ja, es gibt immer überzeugende Gründe, keine Aktien zu kaufen. Doch oft sind genau das die Momente, in denen wir unsere emotionalen Vorurteile im Zaum halten sollten. Zwei aktuelle Beispiele zeigen, wie Anleger in solchen Situationen reagieren – und was das für die eigene Strategie bedeutet.

11. März – Anleger steigen ein, trotz Warnsignalen

Seit Anfang März 2025 haben mehrere wichtige Indikatoren – darunter die NYSE Advance-Decline (A/D)-Line, der Relative Strength Index (RSI) und der MACD (Moving Average Convergence Divergence) – zur Vorsicht gemahnt. Diese Signale deuten darauf hin, dass viele Anleger ihre Risikostrategien überdenken sollten.

In unserem damaligen Artikel haben wir dazu geraten, Stop-Loss-Marken enger zu setzen, Portfolios gegen Rückschläge abzusichern, Gewinne mitzunehmen und bei Bedarf defensiver zu gewichten. Aber was wir nicht gesagt haben: „Alles verkaufen und nur noch Cash halten.“

Im Gegenteil – wir haben den Artikel mit folgendem Hinweis abgeschlossen:

„Auch in fallenden Märkten bieten sich Chancen – sei es bei deutlichen Erholungen oder an Markttiefs. Anleger sollten daher vorbereitet sein, gezielt Positionen einzugehen, wenn sich die Gelegenheit bietet. Gemeint sind Werte mit klarer ‚Value‘-Tendenz oder Aktien, die auf Unterstützungsniveaus zurückgefallen sind und damit ein günstigeres Chance-Risiko-Verhältnis bieten.“

Mit anderen Worten: Anleger sollten bereit sein, während eines Rückgangs zu kaufen – auch wenn es sich in dem Moment oft nicht richtig anfühlt.

6. April – Hoffnung trotz Angst

Im April kam die erwartete Korrektur. Zölle, Handelskonflikte und steigende Renditen – alles Gründe, die aus Sicht vieler Anleger klar gegen Aktien sprachen. Doch genau in dieser Phase haben wir darauf hingewiesen, dass sich eine Kaufgelegenheit auftat.

„Unabhängig davon, ob der aktuelle Einbruch der Beginn einer größeren Korrektur ist oder nicht – solche extrem niedrigen Stimmungsindikatoren markieren regelmäßig den kurzfristigen Tiefpunkt einer Marktkorrektur. Selbst wenn der Markt danach weiter gefallen ist, ging dem oft eine kräftige Zwischenerholung voraus.“

Technische Entwicklung - überkauft vs. überverkauft

Das Fazit unseres Artikels:

„Es wird nicht lange dauern, bis der Markt einen Grund für eine Erholung findet – vielleicht schon in der kommenden Woche. Bei einer solchen Rallye empfehlen wir, sich wieder auf die Grundprinzipien des Investierens zu besinnen, um mit der vermutlich anhaltenden Volatilität in diesem Jahr gut umgehen zu können.

Irgendwann wird der Markt seinen Tiefpunkt erreichen – so wie wir es 2022 gesehen haben. Und auch diesmal werden Sie es vermutlich nicht glauben wollen. Die Angst zu kaufen wird überwältigend sein – aber genau dann ist Handeln gefragt.“

Käufe in der Nähe von Markttiefs sind extrem schwer. Vielleicht sind wir noch nicht ganz dort – aber wahrscheinlich schneller, als man denkt. Wenn Sie also an dem Punkt sind, alles verkaufen zu wollen, dann ist es möglicherweise an der Zeit, sich stattdessen zu fragen: „Sollte ich jetzt nicht lieber kaufen?“

Wie so oft halten uns negative Schlagzeilen, äußere Unsicherheiten und die Angst vor Verlusten genau dann vom Investieren ab, wenn es eigentlich am sinnvollsten wäre.

Das Beste, was Sie für Ihre Investitionen tun können

Das größte Problem, mit dem wir als Anleger konfrontiert sind, ist die Flut negativer Schlagzeilen, Medienberichte und die oft selektive Darstellung von Fakten, die auf den ersten Blick sehr überzeugende Argumente gegen den Kauf von Aktien liefern.

Natürlich gibt es historische Beispiele, die Ängste schüren – etwa die großen Börsencrashs von 1929, 1974, 2000 oder 2008. Aber genau diese seltenen Ereignisse haben sich im Rückblick oft als einmalige Kaufgelegenheiten erwiesen – teils die besten seit Jahrzehnten.

Trotzdem ist es nur allzu verständlich, dass man sich Sorgen macht, wenn man in der Geschichte blättert und dabei an mögliche Verluste denkt.

Was können Sie also konkret tun, um Ihre Erfolgschancen als Anleger zu verbessern?

Schalten Sie alles aus.

  • Die Podcasts, vor allem aber die Influcener-Streams

  • Die Finanznachrichten

  • Die politischen Diskussionen

  • Und vor allem: Ihren Computer.

Ja, wirklich – schalten Sie alles aus.

Denn niemand in den Medien oder im Influcener-Space weiß, was als Nächstes passiert – egal, wie überzeugend es klingt. Die Pessimisten bleiben pessimistisch – und liegen meist daneben. Die Optimisten bleiben bullish – und irren sich oft genau dann, wenn es darauf ankommt.

Von beiden Seiten kommt selten etwas, das Ihnen beim Investieren wirklich weiterhilft.

Wenn Sie Ihr Portfolio ständig beobachten, fühlt sich jede Schwankung an wie ein Spiel im Casino. Sie verlieren den Blick für das Wesentliche: die fundamentalen Grundlagen, die langfristige Erträge bestimmen.

Rücksetzer bei fundamental gesunden Unternehmen sind in vielen Fällen Kaufgelegenheiten. Doch angetrieben von kurzfristigen Schlagzeilen neigen viele Anleger dazu, kopflos zu verkaufen, genau dann, wenn sie besser ruhig bleiben – oder sogar kaufen – sollten.

Richten Sie Ihren Fokus lieber auf das, was wirklich zählt: langfristiges Investieren, den Vermögensaufbau – und Ihren finanziellen Erfolg.

10 Anlageregeln für das Navigieren in volatilen Märkten

1. Investieren – auch wenn es Überwindung kostet: Es wird nie den „perfekten“ Zeitpunkt geben, um Aktien zu kaufen. Marktspitzen, Korrekturen, hohe oder niedrige Bewertungen – all das wirkt abschreckend. Aber gerade diszipliniertes Investieren in turbulenten Phasen kann langfristig besonders erfolgreich sein.

2. Risiko managen – nicht weglaufen: Bei Marktrückgängen ist nicht der Rückzug entscheidend, sondern die Anpassung: Ziehen Sie Ihre Stop-Loss-Marken an, sichern Sie Ihr Portfolio ab, gewichten Sie um oder schichten Sie in defensivere Sektoren. Risikomanagement heißt nicht, dem Markt den Rücken zu kehren.

3. Auch bei schlechter Nachrichtenlage bereit sein zu investieren: Größere Rücksetzer passieren oft dann, wenn die Schlagzeilen am negativsten sind. Gerade in solchen Momenten ergeben sich oft Chancen, Qualitätsaktien mit Abschlag zu kaufen – auch wenn es sich nicht so anfühlt.

4. Den Marktlärm ausblenden: Schalten Sie Finanznachrichten, Podcasts und soziale Medien ab, die Angst oder Euphorie schüren. Permanente Reizüberflutung führt oft zu emotionalen Fehlentscheidungen – und entfernt Sie vom Wesentlichen: Ihren langfristigen Zielen.

5. Bewertungen im Blick behalten – aber nicht überbewerten: Natürlich sind Bewertungen wichtig. Aber sie haben sich im Laufe der Jahre strukturell verändert – etwa durch niedrigere Zinsen, höhere Profitabilität und Marktmechanismen wie ETFs. Hohe Bewertungen allein sind kein Grund, Investitionen pauschal zu meiden – vor allem, wenn die Wachstumsperspektiven stimmen.

6. Einen disziplinierten Prozess verfolgen: Haben Sie eine klare Strategie – ob wertbasiert, technisch orientiert oder durch regelmäßige Rebalancings geprägt. Halten Sie sich an definierte Kauf-, Halte- und Verkaufsregeln, statt impulsiv zu handeln.

7. Auf Fundamentaldaten setzen: Rückgänge bei wirtschaftlich gesunden Unternehmen können attraktive Einstiegsmöglichkeiten bieten. Lassen Sie sich nicht von kurzfristigem Lärm zu Verkäufen verleiten, wenn das Geschäftsmodell intakt ist.

8. Marktzyklen akzeptieren: Volatilität gehört zum Investieren dazu. Korrekturen, Abstürze, Erholungen – sie sind normal. Wer ständig versucht, den Markt zu timen, verpasst häufig die besten Phasen.

9. Vorsicht bei Prognosen – auch von „Experten“: Makrostrategen und Analysten klingen oft überzeugend, liegen aber nicht selten daneben. Treffen Sie keine weitreichenden Portfolioentscheidungen auf Basis einzelner Vorhersagen oder Schlagzeilen.

10. Langfristig denken – auf Kurs bleiben: Peter Lynch hat es treffend gesagt: „Weitaus mehr Geld wurde verloren durch das Warten auf Korrekturen als durch die Korrekturen selbst.“ Bleiben Sie Ihrer langfristigen Strategie treu – passen Sie Ihr Portfolio mit Bedacht an, aber nie aus Panik.

Lassen Sie sich nicht beirren – bauen Sie Ihr Vermögen Schritt für Schritt auf Grundlage Ihrer Strategie auf.

Aktuelle Kommentare

frage:stop/loss oder trailing stop/loss
Ist ganz einfach. Jetzt überall auf dem Höhepunkt bevor das Verständnis sich verbreitet, dass Leitzinsen weiter steigen alles abverkaufen und in Amplify Energy rein, wo frei Handelbare zunehmend weniger werden, da mehr und mehr Institutionelle sich mehr und mehr einverleiben und deswegen bald eine Verzigfachung ansteht
geh mal zu einem Klappsomaten, haha
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