Seltene Erden: Washington und Canberra greifen an

Veröffentlicht am 28.10.2025, 07:52

Als ich vor zwei Wochen schrieb, dass Chinas Initiative für eine „neue Seidenstraße“ zu einem trojanischen Pferd geworden ist, war das ursprünglich bildlich gemeint. Doch Pekings jüngster Schritt, die Kontrolle über Seltene Erden (REEs) weiter zu verschärfen, lässt diese Metapher nun beinahe wörtlich erscheinen.

Die 17 REEs – mit Namen wie Neodym, Dysprosium, Samarium und Terbium – sind gewissermaßen die Sehnen des modernen globalen Wirtschaftsorganismus. Sie stecken im Motor eines Elektrofahrzeugs, in den Lenksystemen eines F-35-Kampfjets, in den Objektiven einer iPhone-Kamera und sogar im MRT, das Ihr Herz scannt. Ohne diese Elemente würde die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts schlicht nicht funktionieren.

China hat dabei über Jahrzehnte auf Geduld und strategische Weitsicht gesetzt. Seit den 1990er Jahren investiert das Land konsequent in den Abbau und die Veredelung seltener Erden, während westliche Länder – gebremst durch Umweltbedenken und kurzfristigen Kostendruck – ihre Mittel in andere Bereiche lenkten.

Das Resultat? Nach Schätzungen von Goldman Sachs kontrolliert China heute rund 70 % der weltweiten Förderung, 92 % der Raffineriekapazitäten und beeindruckende 98 % der Magnetproduktion.

Förderung von Seltenerdmetallen pro Land – Tonnen Seltenerdoxide (2024)

Drei staatliche Unternehmen dominieren den Sektor. Die China Northern Rare Earth Group mit Sitz in Baotou, Innere Mongolei, kontrolliert etwa 70 % der jährlichen Produktion Chinas. Die China Rare Earth Group entstand 2021 aus der Fusion mehrerer staatlicher Konglomerate – mit dem Ziel, die Förderung schwerer Seltener Erden zu bündeln und Pekings Einfluss auf die Preisgestaltung zu stärken. Ergänzt wird das Trio durch die Xiamen Tungsten Co., die rund 1 % der nationalen Förderung beisteuert. Gemeinsam machen diese Konzerne China faktisch zur OPEC der strategischen Metalle.

Politisch gesteuerte Lieferketten

Peking hat in der Vergangenheit bereits mehrfach die Ausfuhr Seltener Erden eingeschränkt – doch in diesem Monat hat die Regierung das bislang umfassendste Verbot ihrer Geschichte verhängt. Ab dem 1. Dezember muss jedes Unternehmen, das Waren exportiert, die mehr als 0,1 % ihres Wertes in Seltenen Erden aus China enthalten, eine staatliche Ausfuhrlizenz beantragen.

Noch weitreichender ist die neue Regelung für alle Produkte, bei deren Herstellung chinesische Seltene-Erden-Technologien zum Einsatz kommen – sei es bei Abbaumethoden, Raffinerieanlagen oder der Magnetproduktion. Auch sie unterliegen künftig denselben Beschränkungen.

Damit blockieren die neuen Vorschriften faktisch jede Lieferkette, die mit ausländischen Rüstungsunternehmen in Verbindung steht. Anders ausgedrückt: Peking erhält ein Veto über den Fluss von Materialien, die in einige der modernsten Waffensysteme der USA einfließen.

Ein Beispiel: Die F-35 enthält rund 450 Kilogramm seltener Erden – ein Teil der Materialien, auf die Amerikas wichtigstes Kampfflugzeug angewiesen ist, stammt also aus genau dem Land, das Washington inzwischen als größten strategischen Rivalen betrachtet.

F-35 Jets benötigen  rund 450 KG Seltene Erden

Indem China seinen Einfluss ausweitet, kann es strategische Industrien unter Druck setzen – ohne einen einzigen Schuss abzugeben. Das ist im Kern dasselbe Vorgehen wie im Jahr 2010, als Peking nach einem maritimen Zwischenfall die Ausfuhr seltener Erden nach Japan abrupt stoppte.

MP Materials: Der einzige US-amerikanische Produzent von Seltenen Erden

Goldman Sachs warnte kürzlich, dass bereits eine zehnprozentige Unterbrechung der globalen Versorgung mit Seltenen Erden die weltweite Industrieproduktion um rund 150 Mrd. USD verringern könnte – mit Auswirkungen auf Sektoren von Halbleitern bis hin zu Elektrofahrzeugen. Besonders gefährdet seien dabei Elemente wie Samarium und Terbium.

Die Märkte haben schnell reagiert. Seit Chinas Ankündigung haben sich die Aktien von Unternehmen aus dem Bereich Seltener Erden in Sydney und New York deutlich erholt – angeführt von Lynas Rare Earths, Iluka Resources und MP Materials, dem einzigen großen Produzenten in den Vereinigten Staaten.

Anstieg der Seltenerd- und strategische Metallproduzenten im Jahr  2025

Washington bleibt diesmal wachsam. Im Juli investierte das Verteidigungsministerium (DoD) – das kürzlich in Kriegsministerium umbenannt wurde – 400 Mio. USD in MP Materials, um eine Preisobergrenze für Neodym-Praseodym-Magnete (NdPr) festzulegen und die Abnahme für militärische Lieferketten zu sichern. Das DoD ist inzwischen der größte Anteilseigner des Unternehmens.

Regierungspolitik als Vorläufer des Wandels

Erst in diesem Monat unterzeichneten Präsident Trump und der australische Premierminister Anthony Albanese das Rahmenabkommen zwischen den USA und Australien über kritische Mineralien. Darin sind mindestens 1 Mrd. USD an kurzfristiger Finanzierung vorgesehen, um Verarbeitungskapazitäten aufzubauen und die Abhängigkeit von chinesischen Lieferungen zu verringern.

Australien ist dabei ein naheliegender Partner: Das Land beherbergt mit der Mount-Weld-Mine eine der reichsten Lagerstätten der Welt und rangiert bei der globalen Produktion seltener Erden auf Platz vier. Das führende Bergbauunternehmen Lynas Rare Earths erreichte im Mai einen wichtigen Meilenstein, als es als erstes Unternehmen außerhalb Chinas kommerzielle Mengen von Dysprosiumoxid – einer schweren Seltenen Erde, die für Verteidigungsmagnete unverzichtbar ist – produzierte.

Zudem prüft die Export-Import Bank of the U.S. derzeit ein Finanzierungspaket in Höhe von 300 Mio. USD für das Nolans-Projekt von Arafura Rare Earths in Australien, während Canberra weitere 100 Mio. USD zugesagt hat. Beide Länder planen, in den kommenden zehn Jahren eine Pipeline strategischer Mineralienprojekte im Gesamtvolumen von 8,5 Mrd. USD gemeinsam zu finanzieren.

Lehrstunden von Reagan

Skeptiker mögen einwenden, der Westen könne mit China nicht Schritt halten – zu langwierig seien Genehmigungsverfahren, zu begrenzt die Verarbeitungskapazitäten. Doch wir haben dieses Szenario schon einmal erlebt.

In den frühen 1980er Jahren stand die US-Halbleiterindustrie im harten Wettbewerb mit Japan, dessen staatlich geförderte Chiphersteller rasch Marktanteile gewannen. Um den als unfair empfundenen Handelspraktiken und dem Dumping unterbewerteter Halbleiter entgegenzuwirken, verhängte Präsident Ronald Reagan 1987 Strafzölle von 100 % auf bestimmte japanische Chips.

Bei der Ankündigung erklärte Reagan, „die Gesundheit und Stabilität der amerikanischen Halbleiterindustrie seien von entscheidender Bedeutung für die künftige Wettbewerbsfähigkeit der Vereinigten Staaten“. Zugleich bedauerte er, dass diese Maßnahme notwendig geworden war, und versprach, die Zölle wieder aufzuheben, „sobald eindeutige und dauerhafte Beweise vorliegen, dass das Dumping beendet ist“.

Diese Politik, kombiniert mit dem Halbleiterabkommen zwischen den USA und Japan von 1986, trug maßgeblich zur Stabilisierung der Branche und zum Schutz der heimischen Produktion bei. In den 1990er Jahren hatte das Silicon Valley seine weltweite Führungsrolle zurückerobert.

Ich bin überzeugt, dass sich ein ähnlicher Verlauf auch bei den Seltenen Erden abzeichnen könnte – vorausgesetzt, die USA halten ihren aktuellen Kurs konsequent bei.

Der Goldrausch des 21. Jahrhunderts

Für geduldige Anleger könnte sich hier eine bedeutende Chance eröffnen. Die Geschichte zeigt, dass aus Versorgungsengpässen häufig attraktive Renditen entstehen. Angesichts der parteiübergreifenden Unterstützung für Reshoring-Initiativen und der Milliardeninvestitionen, die derzeit in Projekte für kritische Mineralien fließen, könnten wir am Anfang eines neuen Rohstoff-Superzyklus stehen – angetrieben von jenen Elementen, die moderne Technologien überhaupt erst ermöglichen.

Präsident Trump brachte es kürzlich auf den Punkt: Wir erleben den „Goldrausch des 21. Jahrhunderts“. Der Unterschied ist nur, dass das neue Gold nicht glänzt – es ist magnetisch.

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