Die gestern von Präsident Trump angekündigte tiefgreifende Änderung der US-Zollpolitik markiert einen Wendepunkt für die Weltwirtschaft. Noch ist unklar, wie genau sich die globalen Handelsströme verschieben, wie sich Volkswirtschaften neu ausrichten und wie Regierungen rund um den Globus darauf reagieren werden. In den meisten Prognosen ist jedoch bereits jetzt von einem langsameren Wachstum, steigender Inflation und rückläufigem Welthandel die Rede. Trump hingegen zeigt sich optimistisch und betont, die Zölle würden „schnell“ eine neue Ära des Wohlstands für die USA einleiten.
Eines steht fest: Wir erleben derzeit ein wirtschaftspolitisches Experiment mit weitreichenden Folgen – es geht um Billionen US-Dollar an globaler Wertschöpfung. Wie bei jeder grundlegenden Veränderung politischer Rahmenbedingungen bleiben die konkreten Auswirkungen zunächst offen. Es wird Monate dauern, bis sich ein klareres Bild abzeichnet.
Präsident Trump sieht die Entwicklung naturgemäß positiv. In seiner gestrigen Rede im Weißen Haus, in der er die neue Zollstrategie erläuterte, sagte er:
„Jahrelang mussten die hart arbeitenden amerikanischen Bürger zusehen, wie andere Nationen reich und mächtig wurden – oft auf unsere Kosten. Aber jetzt ist es an der Zeit, unseren Wohlstand zu stärken. Wir werden Billionen und Aberbillionen US-Dollar mobilisieren, um unsere Steuerlast zu senken und unsere Staatsschulden abzubauen – und das alles wird ziemlich schnell geschehen.“
Viele Ökonomen sehen das deutlich kritischer. So etwa Steven Blitz, US-Chefökonom bei GlobalData TS Lombard: „Was hier angekündigt wurde, kommt im Grunde einer massiven Steuererhöhung gleich – insbesondere für Unternehmen. Und wie bei den meisten Unternehmenssteuern wird sich das letztlich in höheren Preisen für Verbraucher niederschlagen. Eine Wirtschaft wächst aber nicht durch höhere Steuern.“
Mit der Zunahme der Zölle steigt auch das Risiko einer Rezession – diese Einschätzung gewinnt unter Analysten zunehmend an Gewicht. Das GDPNow-Modell der Atlanta Fed geht aktuell davon aus, dass die US-Wirtschaft bereits im ersten Quartal geschrumpft ist (siehe Abbildung unten). Andere Prognosen zeichnen hingegen ein etwas freundlicheres Bild – zumindest vorerst. Das Modell der New Yorker Fed etwa rechnet im ersten Quartal weiterhin mit einem soliden Anstieg des BIP um 2,9 %.
Olu Sonola, Leiter der US-Wirtschaftsforschung bei Fitch Ratings, warnt jedoch, dass der momentane Optimismus nicht von Dauer sein dürfte. „Viele Länder werden wohl in einer Rezession landen. Man kann die meisten Prognosen vergessen, wenn diese Zölle über längere Zeit bestehen bleiben“, so seine Einschätzung.
Auch Professor Niven Winchester, Forscher im MIT-Programm für Science and Policy of Global Change, stellt neue Wirtschaftsprognosen vor, die auf Modellierungen basieren. Sie gehen davon aus, dass viele Länder mit eigenen Zollerhöhungen reagieren werden – ein durchaus realistisches Szenario, wenn man die Reaktionen der vergangenen 24 Stunden weltweit betrachtet. Die Modelle zeigen, dass solche Maßnahmen spürbare Auswirkungen auf ganze Volkswirtschaften haben könnten.
Einige Beobachter könnten argumentieren, dass kurzfristige wirtschaftliche Einbußen gerechtfertigt wären, wenn Trumps Zölle langfristig Vorteile bringen. Doch die Handelsstrategie des Weißen Hauses birgt grundlegende Zielkonflikte, erklärt Nancy Ruth Fox, Wirtschaftsprofessorin an der St. Joseph’s University.
Wenn das Ziel darin besteht, die Einnahmen aus Importzöllen zu steigern, steht das im Widerspruch zur Idee, die heimische Industrie zu stärken. „Solange ich weiterhin im Ausland produzierte Güter kaufe, fließen Zolleinnahmen. Aber das fördert die US-Produktion in keiner Weise – jedenfalls nicht auf direktem Weg“, sagt sie. Wechseln die Verbraucher hingegen zu US-Produkten, würden die Zolleinnahmen wieder sinken.
Trotz der anhaltenden Debatte über das US-Handelsdefizit – ein zentrales Thema in Trumps handelspolitischer Argumentation – wird oft übersehen, dass die USA im Dienstleistungsbereich schon lange einen stabilen Handelsüberschuss haben – und dieser wächst weiter.
Tatsächlich sind die USA der weltweit führende Exporteur von Dienstleistungen – etwa in den Bereichen Finanzwesen und Cloud-Computing. Im Jahr 2024 belief sich der Überschuss im Dienstleistungshandel auf nahezu 300 Mrd. USD.
Die zentrale Frage ist nun, ob die Zölle auch eine Gefahr für die US-Dienstleistungsexporte darstellen. Die Antwort darauf lautet mit großer Wahrscheinlichkeit: ja – zumindest in gewissem Umfang.
Da viele Bereiche der Dienstleistungen zu den am stärksten wachsenden Sektoren der US-Wirtschaft zählen, könnten die langfristigen Folgen von Zöllen in diesem Segment besonders schmerzhaft ausfallen.
In einem sich zuspitzenden Handelskonflikt wäre es denkbar, dass ausländische Regierungen gezielt Vergeltungsmaßnahmen gegen US-Dienstleistungen ergreifen. „Die Europäische Union hat politische Instrumente in der Hand, mit denen sie ihre Reaktionen auf US-Zölle ausweiten kann – auch auf den Import amerikanischer Dienstleistungen“, erklärt Filippo Taddei, Managing Director of Global Investment Research bei Goldman Sachs (NYSE:GS).