Ölnachfrage-Ausblick: Die Corona-Lage in Indien ist das Zünglein an der Waage

Veröffentlicht am 20.04.2021, 13:28

Indien wurde auf eine "rote Liste" von Ländern gesetzt, aus denen die meisten Reisen nach Großbritannien verboten sind, da man eine neue Variante des Coronavirus befürchtet. Ölhändler sollten den drittgrößten Rohölimporteur genau beobachten angesichts des wahrscheinlichen Drucks auf Ölpreise aufgrund der Energienachfrage seiner 1,4 Milliarden Menschen.
Oil (Tageschart)
Zugegeben, die Ölpreise werden morgen nicht abstürzen, selbst wenn Indiens führende Städte, einschließlich der Hauptstadt Neu-Delhi, wegen eines Wiederauftretens der Pandemie abgeriegelt würden. Die globale Nachfrage nach Rohöl ist nach wie vor sichergestellt, da der Top-Konsument China im Zuge der wirtschaftlichen Erholung ein rasantes Comeback feiert, während die Vereinigten Staaten die globale Impfkampagne anführen und Europa versucht, mit seiner eigenen Immunisierung aufzuholen.

Die indische Nachfrage bleibt jedoch aus einem Grund wichtig für Öl: Das Land ist einer der größten Energiemärkte, der neben China wächst.

John Kilduff, Partner beim New Yorker Energie-Hedgefonds Again Capital, sagte:

"Selbst in einem sich normal entwickelnden Markt bedarf es erheblicher Anstrengungen, um Nachfrageverwerfungen in einer Region auszugleichen. Bei einer Pandemie nehmen die Komplikationen eine ganz andere Dimension an. Wenn es nicht um die Nachfrage selbst geht, reicht oft der psychologische Einfluss aus, um den Markt zu zermürben."

Die Internationale Energieagentur (IEA) mit Sitz in Paris hob in einem im Februar veröffentlichten Bericht die Bedeutung Indiens für die globale Ölwirtschaft hervor.

Die IEA sagte, dass Indien in den nächsten zwei Jahrzehnten den größten Anstieg der Energienachfrage in der Welt erleben wird. In einem Szenario könnte der Ölverbrauch bis 2040 um bis zu 4 Millionen Barrel täglich auf 8,7 Millionen steigen.

Selbst bei einer stärkeren Förderung von Elektrifizierung, Effizienz und Kraftstoffwechsel dürfte Indiens Ölnachfrage im selben Zeitraum um knapp 1,0 Mio. Barrel täglich steigen, so die IEA.

Die inländische Öl- und Gasproduktion bleibt weiterhin hinter den Verbrauchstrends zurück, und die Nettoabhängigkeit von importiertem Öl könnte bis 2040 bei über 90% liegen, gegenüber 75% heute, so die IEA.

Sie verwies darauf hin, dass die anhaltende Abhängigkeit von importierten Brennstoffen Anfälligkeiten für Preiszyklen und Volatilität sowie mögliche Versorgungsunterbrechungen schaffe.

Platts sagte in einem Bericht vom Februar, dass ähnliche Kommentare wie die der IEA auf dem South Asia Commodities Virtual Forum, das in diesem Monat stattfand, geäußert wurden.

Die Redner auf diesem Forum sagten, dass der Höhepunkt der indischen Ölnachfrage viel später eintreten würde als der Rest der Welt erwarte, was genügend Spielraum für Raffinerieerweiterungen und die Sicherung der Rohölversorgung durch Diversifizierungsmaßnahmen schaffe.

Völlig abhängig von Öl

Indien ist auf Öl angewiesen und ein wichtiger Abnehmer von Rohöl von großen Lieferanten wie Saudi-Arabien und dem Irak, während die OPEC-Produzenten gleichermaßen von Indiens Appetit auf die Ölsorten aus dem Nahen Osten abhängig sind. Die Beziehung ist für beide Seiten vorteilhaft, und die Verbindungen zwischen Indien und den Top-Produzenten werden immer enger.

Ölproduzenten aus dem Nahen Osten haben Projekte in Indien im Visier, die ihnen helfen würden, ihre Präsenz in dem Land zu erweitern. Der Plan für ein Mega-Raffinerie-Joint-Venture mit einer Kapazität von 1,2 Mio. Barrel pro Tag zwischen den staatlichen indischen Raffinerien und dem staatlichen saudi-arabischen Giganten Saudi Aramco (SE:2222) und der nationalen Ölgesellschaft der Vereinigten Arabischen Emirate ADNOC liegt noch auf Eis. Die Parteien haben weiterhin die Absicht, die Raffinerie zu bauen.

Ein potenzielles Joint Venture zwischen Aramco und Reliance Industries (NS:RELI) könnte 2021 wieder in Gang kommen. Reliance hat die Genehmigung erhalten, die Kapazität seiner auf den Export ausgerichteten Jamnagar-Raffinerie um 17% auf 820.000 Barrel täglich zu erhöhen und strebt bis zum Ende des Jahrzehnts eine Kapazität von fast 2 Millionen Barrel an. Mit einer garantierten Versorgung der Anlage mit schwerem saudischem Rohöl wäre dies eine Win-Win-Situation.

Indiens eigener Appetit auf Treibstoff für den Straßenverkehr, sprich Diesel und Benzin, wird wieder aufleben. S&P Global Global Platts Analytics erwartet, dass die Wirtschaft in diesem Jahr um 9,3% wächst, nachdem sie 2020 um 7,7% geschrumpft war, da die Impfstoffe dazu beitragen, dass sich das Leben wieder normalisiert. Und ein 35-Milliarden-Dollar-Paket zur Verbesserung der Beschäftigung und der Industrie soll für einen Schub sorgen.

Platts Analytics erwartet, dass sich Indiens Ölnachfrage im Jahr 2021 wieder auf das Niveau von 2019 erholen wird, mit einem Wachstum von 470.000 Barrel pro Tag im Jahr, nachdem sie im Jahr 2020 um 470.000 Barrel gesunken war.

Platts zufolge wird die Dieselnachfrage der größte Treiber sein, da sich der energieintensive Industriesektor schneller erholen werde, unterstützt durch einen Aufschwung im Nutzfahrzeugsegment.

Da Diesel etwa 40% des indischen Warenkorbs für Ölprodukte ausmacht, war die Nachfrageerholung bereits Grund genug für alle staatlichen und privaten Raffinerien, ihre Auslastung auf etwa 100% zu erhöhen.

Die Benzinproduktion ist in Indien im Dezember auf ein 14-Monats-Hoch geklettert.

Flugzeugtreibstoff wird der Nachzügler bleiben. Die Fluggesellschaften in Indien werden wahrscheinlich weiterhin weit unter ihrer Kapazität arbeiten, insbesondere bei internationalen Flügen, die derzeit 60% unter dem Niveau vor der Pandemie liegen.

Eine tickende COVID-Zeitbombe

In naher Zukunft ist Indien jedoch eine tickende COVID-Zeitbombe, da das Land der Pandemie potenziell genauso gefährlich ausgesetzt ist wie einst China und Italien.

Wie die Washington Post berichtete, ist die Infektionswelle in Indien so steil, dass der Anstieg fast vertikal verläuft - ganze Familien werden infiziert und die Krankenhäuser sind überfordert.

In Delhi, Indiens am schlimmsten betroffener Stadt, hat das Gesundheitssystem "seine Grenze erreicht" und könnte zusammenbrechen, wenn nicht gehandelt wird, sagte Arvind Kejriwal, ein Spitzenbeamter. Am Montag kündigte die Stadt eine sechstägige Abriegelung an, um die galoppierenden Infektionen einzudämmen.

Die Wucht der zweiten COVID-Welle in Indien macht inzwischen etwa jeden dritten neuen Fall aus.

Der Chef der Weltgesundheitsorganisation Tedros Adhanom Ghebreyesus stellte am Freitag fest, dass Indiens "Infektions- und Todesfälle weiterhin mit besorgniserregenden Raten ansteigen".

In Indien kommen täglich mehr als 250.000 Neuinfektionen hinzu - und wenn der aktuelle Trend anhält, könnte diese Zahl innerhalb eines Monats auf 500.000 ansteigen, so Bhramar Mukherjee, Biostatistiker an der Universität von Michigan.

Wie The Post bemerkte, hätte es nicht so kommen sollen. Zu Beginn dieses Jahres schien Indien die COVID-19-Pandemie zu überwinden. Die Zahl der täglichen Fälle sank unter 10.000 und die Regierung startete eine Impfkampagne mit lokal hergestellten Impfstoffen.

Aber Experten sagen, dass Verhaltensänderungen und der Einfluss neuer Varianten zusammen eine Flutwelle neuer Fälle hervorgerufen haben.

"Die Todesfälle pro Tag sind auf einem Rekordhoch und steigen weiter an. In einigen Städten laufen die Öfen der Krematorien rund um die Uhr", berichtet das New Delhi Bureau der Post.

Disclaimer: Barani Krishnan nutzt eine Reihe von Ansichten außerhalb seiner eigenen, um Vielfalt in seine Analyse eines Marktes zu bringen. Um Neutralität zu gewährleisten, präsentiert er manchmal konträre Ansichten und Marktvariablen. Er hält keine Position in den Rohstoffen und Wertpapieren, über die er schreibt.

Aktuelle Kommentare

Bitte warten, der nächste Artikel wird geladen ...
Installieren Sie unsere App
Risikohinweis: Beim Handel mit Finanzinstrumenten und/oder Kryptowährungen bestehen erhebliche Risiken, die zum vollständigen oder teilweisen Verlust Ihres investierten Kapitals führen können. Die Kurse von Kryptowährungen unterliegen extremen Schwankungen und können durch externe Einflüsse wie finanzielle, regulatorische oder politische Ereignisse beeinflusst werden. Durch den Einsatz von Margin-Trading wird das finanzielle Risiko erhöht.
Vor Beginn des Handels mit Finanzinstrumenten und/oder Kryptowährungen ist es wichtig, die damit verbundenen Risiken vollständig zu verstehen. Es wird empfohlen, sich gegebenenfalls von einer unabhängigen und sachkundigen Person oder Institution beraten zu lassen.
Fusion Media weist darauf hin, dass die auf dieser Website bereitgestellten Kurse und Daten möglicherweise nicht in Echtzeit oder vollständig genau sind. Diese Informationen werden nicht unbedingt von Börsen, sondern von Market Makern zur Verfügung gestellt, was bedeutet, dass sie indikativ und nicht für Handelszwecke geeignet sein können. Fusion Media und andere Datenanbieter übernehmen daher keine Verantwortung für Handelsverluste, die durch die Verwendung dieser Daten entstehen können.
Die Nutzung, Speicherung, Vervielfältigung, Anzeige, Änderung, Übertragung oder Verbreitung der auf dieser Website enthaltenen Daten ohne vorherige schriftliche Zustimmung von Fusion Media und/oder des Datenproviders ist untersagt. Alle Rechte am geistigen Eigentum liegen bei den Anbietern und/oder der Börse, die die Daten auf dieser Website bereitstellen.
Fusion Media kann von Werbetreibenden auf der Website aufgrund Ihrer Interaktion mit Anzeigen oder Werbetreibenden vergütet werden.
Im Falle von Auslegungsunterschieden zwischen der englischen und der deutschen Version dieser Vereinbarung ist die englische Version maßgeblich.
© 2007-2025 - Fusion Media Limited. Alle Rechte vorbehalten.