In unserem gestrigen Kommentar haben wir die deutlich unterschiedlichen wirtschaftlichen Einschätzungen von Demokraten und Republikanern thematisiert. Damals schrieben wir: Die Demokraten sind der Ansicht, dass die aktuellen Wirtschaftsaussichten schlechter seien als während der Hochphasen von Covid oder der Finanzkrise 2008.
Natürlich ist es nicht einfach, aus einer Stimmungslage eine verlässliche Wirtschaftsprognose abzuleiten. Es gibt Phasen, in denen die Stimmung am Boden ist – und trotzdem geben die Menschen weiter Geld aus. Und dann gibt es Zeiten, in denen die Stimmung das Konsumverhalten ganz direkt beeinflusst.
Angesichts der aktuell stark gespaltenen Stimmungslage lohnt es sich, auch die Ersparnisse der privaten Haushalte als zusätzlichen Indikator heranzuziehen – um die tatsächliche Lage besser einschätzen und unsere Prognosen entsprechend einordnen zu können.
Das alte Sprichwort "Put your money where your mouth is" – also: nicht nur reden, sondern entsprechend handeln – trifft vor allem dann zu, wenn die politische Stimmung besonders starken Einfluss hat, wie derzeit.
In einer Umfrage ist es einfach, zu sagen, dass die finanzielle Lage heute schlechter sei als im März 2020 oder im Oktober 2008. Aber verhalten sich die Menschen auch so? Greifen sie zu denselben finanziellen Vorsichtsmaßnahmen wie damals?
Eine der deutlichsten Maßnahmen wäre, mehr zu sparen – also den Konsum zurückzufahren. Ein Blick auf die folgende Grafik zeigt allerdings, dass die Sparquote der Privaten nach wie vor sehr niedrig ist. Das deutet nicht darauf hin, dass die Verbraucher aktuell tatsächlich mehr zur Seite legen.
Natürlich kann sich das jederzeit ändern – 2020 hat uns das deutlich vor Augen geführt. Doch im Moment spiegeln die Ersparnisse nicht die pessimistische Stimmung wider, die in vielen Umfragen zum Ausdruck kommt.
Trading Update
Gestern haben wir darauf hingewiesen, dass Hedgefonds in den vergangenen Tagen verstärkt Technologieaktien abgestoßen haben – das Marktengagement ist deutlich zurückgegangen. Trotz dieser Korrektur und der spürbar negativen Stimmung gab es bislang kaum Hinweise auf finanzielle Spannungen. Ein guter Gradmesser dafür sind die Kreditspreads, und auch hier war keine auffällige Ausweitung zu beobachten.
Heute steht nun der lang erwartete „Tag der Befreiung“ an: Die Märkte dürften endlich Klarheit darüber bekommen, wie hoch die neuen Zölle ausfallen werden, welche Branchen besonders betroffen sind – und was das mittelfristig für die Unternehmensgewinne bedeutet.
Sollten die Zölle höher ausfallen als erwartet, könnte der Markt kurzfristig noch einmal unter Druck geraten. Umgekehrt gilt: Sollten sie im Rahmen der Erwartungen liegen oder sogar moderater ausfallen, ist eine spürbare Gegenbewegung nicht ausgeschlossen – gerade vor dem Hintergrund, dass viele Hedgefonds und CTAs derzeit stark untergewichtet sind.
Mein gestriger Kommentar auf "X":
Zwar halten wir eine Erholung für wahrscheinlich, allerdings dürfte sie eher von kurzer Dauer sein. Unsere gleitenden Durchschnitte auf Wochenbasis stehen kurz vor einem Schnittpunkt – ein technisches Signal, das auf einen starken Widerstand im Bereich um die 5800 Punkte hindeutet.
Erreicht der Markt in den kommenden ein bis zwei Monaten diese Zone, sehen wir das als Gelegenheit, Risiken zu reduzieren, die Portfolio-Gewichtungen anzupassen und die Liquiditätsquote zu erhöhen. Denn es ist unwahrscheinlich, dass die Märkte von diesem Niveau aus nachhaltig weiter zulegen können.
Parallel zur Abschwächung der Wirtschaftsdaten rechnen wir mit weiteren Rücksetzern an den Börsen, bevor sich eine tragfähige Bodenbildung abzeichnet.
Dieser Ausblick ist Teil unserer diesjährigen Leitidee: „Curb Your Enthusiasm – Bleiben Sie vernünftig.“
Anleger sollten sich auf eine Phase erhöhter Volatilität einstellen. Die Inflation bleibt hartnäckig, das Wirtschaftswachstum wird durch fehlende geldpolitische Impulse gebremst, und gleichzeitig geraten die Gewinnschätzungen unter Druck – was eine Neubewertung vieler Unternehmen notwendig macht.
Das Fazit unseres Artikels lautet deshalb:
Investieren im Jahr 2025 wird eine Balance aus Optimismus und Vorsicht erfordern.
Das verlangsamte Wachstum, die Unsicherheiten in der Fiskalpolitik, globale Spannungen, überzogene Erwartungen und ein oft zu großer Optimismus liefern gute Gründe, sich dem Markt mit einem kühlen Kopf zu nähern.
Es wird eine Phase kommen, in der Liquidität entscheidend ist. Eine durchdachte Portfoliostrategie sorgt dafür, dass man dann vorbereitet ist – mit reduziertem Risiko und gestärkter Kasse, sobald die nächste Verkaufswelle einsetzt.
Nutzen Sie die Aufwärtsbewegung, solange sie anhält – aber lassen Sie sich nicht zu der Überzeugung verleiten, diesmal sei alles anders. Die Geschichte zeigt: Meistens ist es das eben nicht.
JOLTs & ISM Fertigung
Die Zahl der offenen Stellen ist laut dem aktuellen JOLTs-Bericht auf ein Sechsmonatstief von 7,568 Millionen gefallen. Gleichzeitig bleiben Neueinstellungen, Kündigungen und Entlassungen – wie in der untenstehenden Grafik zu sehen – weiterhin auf niedrigem Niveau. Insgesamt deuten die Daten darauf hin, dass der Arbeitsmarkt derzeit wenig Dynamik aufweist: Es werden nur wenige neue Stellen besetzt, aber auch nur wenige Beschäftigte verlassen freiwillig ihren Job oder werden entlassen.
Wichtig dabei: Der JOLTs-Bericht bildet die Lage mit einem gewissen Zeitverzug ab – er liegt etwa einen Monat hinter dem BLS-Arbeitsmarktbericht, der diesen Freitag veröffentlicht wird. Eine mögliche Abschwächung der Beschäftigungslage, etwa infolge von Stellenabbau im öffentlichen Sektor, könnte sich im jüngsten JOLTs-Bericht daher noch nicht widerspiegeln.
Auch aus der ISM-Umfrage für das verarbeitende Gewerbe kommen keine ermutigenden Signale: Mit einem Rückgang auf 49 Punkte (nach 50,3 im Vormonat) ist der Index wieder in rezessives Terrain gefallen.
Sowohl die Beschäftigung als auch die Auftragseingänge sind weiter rückläufig – ein deutliches Zeichen dafür, dass sich die Stimmung in den Chefetagen weiter eintrübt.
Auffällig ist auch der Anstieg der gezahlten Preise, die nun bei 69,4 liegen – fast fünf Punkte über dem Vormonatswert. Das signalisiert zunehmende Sorgen der Hersteller über höhere Kosten infolge der Zölle sowie steigende Preise für Zwischen- und Endprodukte.
Scheitern an der 200-Tage-Linie
Historisch gesehen hat ein Scheitern an der 200-Tage-Durchschnittslinie (200-DMA) bei Anlegern häufig Besorgnis ausgelöst. Technisch bringt es die Börsenweisheit gut auf den Punkt: „Unterhalb der 200-DMA passiert selten etwas Gutes.“
In den vergangenen 30 Jahren war ein solcher Rückschlag jedoch oft auch der Ausgangspunkt für interessante Kaufgelegenheiten – vorausgesetzt, es lag kein größeres externes „Ereignis“ vor, das die Analystenschätzungen deutlich nach unten zog.
In der untenstehenden Abbildung bezeichne ich „Bärenmärkte“ als Phasen, in denen der Markt nicht nur einmal, sondern wiederholt an der 200-DMA scheitert. Erholt sich der Markt nach einem einmaligen Rückschlag hingegen rasch, sprechen wir eher von einer „Korrektur“.
Wie man sieht, sind während der ersten beiden „Bärenmärkte“ die Unternehmensgewinne deutlich eingebrochen – ausgelöst durch eine wirtschaftliche Abschwächung bis hin zur Rezession. Abgesehen von der kurzen „Covid“-Pandemie blieben die Erträge jedoch eng an das Wirtschaftswachstum gekoppelt.
Sollte das jüngste Scheitern an der 200-DMA tatsächlich der Beginn einer tiefergehenden Korrektur sein, wäre zeitnah mit deutlich fallenden Gewinnschätzungen zu rechnen.