Wie immer überschlagen sich die schlechten Nachrichten über die chinesische Wirtschaft. In einer weiteren Episode der einseitigen Berichterstattung über die zweitgrößte Wirtschaft der Welt geht es nun um die fallenden Preise im ostasiatischen Land. Im Juli sind die Verbraucherpreise um 0.3% gesunken und damit das erste Mal seit zwei Jahren, was zuletzt durch die Corona-Pandemie bedingt war. Nun sieht das die populäre Presse als Anlass, um den Untergang Chinas zu verkünden. Es gibt selbstverständlich Argumente für eine solche Entwicklung, welche auch darlegen werde. Jedoch kann diese Kennzahl in dem chinesischen Kontext auch etwas anderes bedeuten. Schauen wir uns dies einmal im Detail an.
Beginnend mit den Argumenten für eine Rezession der chinesischen Wirtschaft, ist einmal grundsätzlich anzumerken, dass deflationäre Tendenzen prinzipiell einmal unerwünscht sind. Sie deuten darauf hin, dass die Wirtschaftsleistung zurückgeht. Der Mechanismus ist dabei einfach: Sinken die Preise, spricht dies für eine schwache Nachfrage. Anstatt mehr zu produzieren, wird weniger hergestellt, was aber auch dazu führt, dass Entwicklungsdruck nachlässt – wieso sich um Innovationen kümmern, wenn das aktuelle Angebot nicht einmal angenommen wird. Wenn wir uns einmal die untenstehende Grafik ansehen, so sehen wir, dass es zwei Arten von Deflation, also Preisrückgängen gibt: nachfrageorientiert (links) und angebotsorientiert (rechts). Bei der nachfrageorientierten Deflation wird beim effizienten Output (Schnittstelle LRAS, SRAS, AD1) weniger nachgefragt, weshalb die bestehenden Güter und Dienstleistungen günstiger angeboten werden, um das Nachfrageloch mit einem Preisvorteil zu stopfen. Gründe können erhöhte Steuerlasten, weniger Staatsausgaben, höhere Sparraten oder höhere Zinsen sein, oder eben Lockdowns. Was man aber auf dieser Seite sieht ist, dass das Marktequilibrium links von LRAS rutscht, welches das Realpotenzial einer Wirtschaft beschreibt; also das ideale Bruttoinlandsprodukt. Das ist auch der Grund, warum Deflation ungern gesehen wird, weil man eben nicht mehr effizient dieses Potenzial ausschöpft.
Quelle: https://www.ezyeducation.co.uk/ezyeconomicsdetails/ezylexicon-economic-glossary/D.html
In Chinas Fall haben wir es aber mit der anderen Art der Deflation zu tun, zumindest jetzt für den vergangenen Monat. Im primären Sektor (Rohstoffe) wuchs die Wirtschaft um 3.7%, im sekundären Sektor (Produktion) waren es 4.3% und im tertiären Sektor (Dienstleistungen) sogar satte 6.4%. Mit diesem Wachstum, bei relativ stabiler Nachfrage, bewegt sich SRAS1 zum Punkt SRAS2 auf der Achse und lässt die Preise damit sinken. In diesem Fall würden wir aber rechts von LRAS stehen, was Wirtschaftswachstum bedeutet, weil wir über dem Realpotenzial der Wirtschaft agieren. Hört sich doch gut an, warum machen wir das aber nicht immer so? Diese Situation kann leider nicht nachhaltig aufrechterhalten werden. Unternehmen operieren gewinnorientiert, weshalb sie das Angebot auch aktiv herunterschrauben können, um bei weniger Personal-, Kapital- und Materialeinsatz gleichen oder höheren Gewinn über Preiserhöhungen zu generieren. Somit kann diese eigentlich sehr erstrebenswerte Deflationsart nur kurzfristig entstehen.
In China, so schätze ich die Situation ein, sehen wir aktuell, wie die regulatorischen Maßnahmen rundum Datenschutz und Wettbewerb, graduelle Öffnung des Kapitalmarktes und die Nutzung künstlicher Intelligenz dazu führen, dass die Wachstumskapazität der Hersteller zunimmt. Dabei bleibt die Nachfrage im Inland stabil, weil es keinen sichtbaren Grund für einen Nachfragerückgang gibt. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf steigt weiter, was bedeutet, dass mehr finanzielle Mittel für Konsum zur Verfügung stehen. Auch die Kaufkraftparität steigt nach wie vor rapide, was bedeutet, dass das Einkommen eines Chinesen immer mehr kaufen kann, es also stärker wird. Bereits 2017 überholte China die USA in dieser wichtigen Metrik. Auf die untere Grafik bezogen, die Sie ja schon aus diesem Artikel kennen, stehen wir in China aktuell beim Punkt D, also im Wachstum, aber im Preisrückgang. Um das langfristige Wirtschaftspotenzial, also die LRAS-Kurven, von LRAS1 zu LRAS2 zu verschieben aber, muss China verstärkte Nachfrageanreize schaffen. Einen ersten Schritt tat das Land erst gestern mit einer Senkung des Leitzinses von 3.55% auf 3.45%. Das mag zwar nicht nach viel klingen, ist aber im Hinblick auf die Deflation von gerade einmal 0.3% völlig ausreichend. Schaffen es die Chinesen nicht, die Nachfrage auf die erhöhte Wirtschaftspotenz abzustimmen, bewegen wir uns zurück auf Punkt A. Weil das aber einem Rückschritt gleichkommen würde, wären wir in dieser Bewegung dann in einer sogenannten Stagflation, also einer Situation, in der die Wirtschaft stagniert und die Preise dennoch steigen. Um aber die Frage aus dem Titel zu beantworten: Nein, es sieht nich nach einem Kollaps Chinas aus – eher im Gegenteil.
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